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September 01

September 2001

27. August 2001, Lauchheim, Deutschland

Seit gestern steht es nun definitiv fest: Ich werde am 9. September losfahren...vorausgesetzt, dass die Sache mit dem Iran-Visum klar geht!

Sozusagen in “letzter Sekunde” habe ich  mich nun doch noch dazu entschlossen, das Iran-Visum hier in Deutschland zu beschaffen. Dadurch möchte ich vermeiden, dass ich in Instanbul all zu lange “´rumhängen” muss, zumal ich ein wenig Sorge wegen des  Wintereinbruchs in der Osttürkei und im Iran habe.

Außerdem verspreche ich mir ein entspannteres Reisen mit einem 30-tägigenTourist-Visa. In Istanbul bekomme ich höchstwahrscheinlich nur ein Transit-Visum für die  Gültigkeit von 7 Tagen, welches dann nahezu allen Ortens verlängert werden muss.

Meine Besorgungsliste wird nun zunehmend kleiner - dennoch habe ich das Gefühl, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.

 

30. August 2001, Lauchheim

Ich bin total geplättet! Das Iran-Visum lag heute im Briefkasten! Es wurde sage und schreibe innerhalb von 3 Tagen (inklusive Postweg!) ausgestellt. Dabei sollte die Ausstellung des Visums laut Anfrage beim Konsulat mindestens 2 Wochen dauern. Ich will nicht meckern und und sage: “Allah sei Dank”.

Ansonsten gilt: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen ....

 

5. September 2001, Aalen

Hurra, Hurra, es hat geklappt. Die feierliche Homepage-Übergabe ist erfolgt. Nun hat Walter das Sagen bzw. Schreiben.

 

8.9.01, Lauchheim

Morgen also geht es los! Nachdem ich gestern ausgiebig mit meinen Freunden bis in die Puppen Abschied gefeiert habe (...what a night!) wird´s nun bitter ernst. Das regnerische und stümische Herbstwetter lässt bei mir nicht unbedingt Lust auf eine Fahrradtour aufkommen. (Etwas Gutes hat das Wetter jedoch: Es kann nur noch besser werden.)

Noch steht mein Fahrrad voll bepackt in meiner Wohnung. Wenn ich daran denke, dass ich das ganze Gewicht plus meinen bescheidenen 90 kg über so manchen Pass zu befördern habe, wird mir jetzt schon himmelangst.

Überhaupt: Meine Gefühle schlagen Purzelbaum! Nicht nur einmal habe ich mich heute im Laufe des Tages gefragt, wie ich nur auf so eine blödsinnige Idee kommen konnte, ausgerechnet mit dem Fahrrad nach Indien fahren zu wollen - zumal es doch super bequeme Flugzeuge mit ausgezeichnetem Bordservice gibt.

Aber, wie es aussieht, gibt es nun kein Zurück mehr. Ab morgen werde ich quasi in anderen Umständen sein.

Ade du meine Behaglichkeit, ade ihr lieben Freunde!

 

9.9. Langenau, Deutschland

Nun bin ich also tatsächlich "on the road". Es war toll, dass mich so viele Freunde (nebst Geschwistern) auf der ersten Teilstrecke begleitet haben. Im "Ochsen" in Elchingen gab es dann so etwas wie ein "last supper" - obwohl es erst Mittag war. Walter hielt am längsten durch und begleitete mich trotz Pisswetter bis Großkuchen, wo wir nochmals bei einem Weizen heftig Abschied feierten. Und dann war ich alleine. Die Reise hatte begonnen!

Dank meiner frischerworbenen Regenhaut ließ mich sogar der Regen kalt. Trotzdem: Die Motivation ist gross, möglichst schnell über die Alpen in wärmere - und vor allen Dingen trockenere - Gefilde zu gelangen. Gegen 20 Uhr erreichte ich dann nach einer trotz Regen erbaulichen Fahrt - von den landschaftlichen Unebenheiten mal abgesehen - Langenau. 65 km Fahrt verbuchte mein Radcomputer - mein Hintern verbuchte mindestens das doppelte. Die "Gesäßcreme", die Matze und Reiner mir mit auf den Weg gaben, kam zu ihrem ersten Großeinsatz.

Ich gönnte mir den Luxus und mietete mich in einem noblen Landgasthof ein. Leider war die Küche schon um 21 Uhr "dicht", so dass ich in eine Pizzeria ausweichen durfte. Ich schreibe bewusst "durfte", da ich unverhofft eine sehr nette Begegnung mit einer etwas betagteren Mutter und ihrer Tochter (diese jedoch in den besten Jahre - was immer auch das heißen mag) hatte. In Langenau werden jedoch schon um 22 Uhr die Gehwege hochgeklappt, so dass ich mich nun sinnierender Weise auf kommende Abenteuer einstellen kann. Aber: Meine Stimmung ist gut, wenn nicht sogar ausgezeichnet!

 

11.9.01, Wangen, Deutschland         Schock!

Ich sitze gerade in meinem Zimmer in einem Wangener Gasthaus und sehe die Fernsehbilder aus Amerika. Ich bin total geschockt! Mir fehlt ganz einfach die Sprache, das auszudrücken, was in mir vorgeht. Wie nichtig kommt mir dabei angesichts dieser Ereignisse meine eigene Reise und ihre Berichterstattung vor.
Kurze Zeit, nachdem mich Reiner per Handy über die Ereignisse informierte, hielt auf freier Strecke ein Wagen. Ein zutiefst betroffener Mann stieg aus, um mich ebenfalls über die Terroranschläge zu informieren. Er sprach vom kommenden Ausbruch eines Weltkrieges, zitterte am ganzen Körper.
Dann der Anruf von meinem Bruder Michael, mit dem ich vor ca. 5 Jahren auf der Aussichtsplattform des Worldtradecenters stand. Fassungslosigkeit,Unverständnis, Angst.
Meine Reise ist überschattet durch diese brutalen Terrorakte - um so mehr, da meine Reise durch einen Teil der islamischen Welt führen wird.
Dennoch will ich noch ganz kurz auf meine bisherige Reise eingehen. Das Wetter war gestern nicht sehr radfahrerfreundlich: Nässe von außen und Nässe von innen - dafür sorgte die hügelige Landschaft des schönen Allgäus. Die Nacht verbrachte ich bei Bekannten in Memmingen. Obwohl ich dort meinen Besuch erst eine Stunde vorher anmeldete, wurde ich sehr gastfreundlich aufgenommen.
Heute wurde ich mit fast regenfreiem Wetter belohnt, hin und wieder blinzelte sogar die Sonne zwischen den Wolken hindurch.
So...und nun bin ich in Wangen und lasse die Fernsehbilder auf mich einstürmen. Ich hoffe sehr, dass sich diese Ereignisse nicht zu einer noch größeren Tragödie entwickeln werden.

 

13.9.01 Thusis, Schweiz

Wie's aussieht, habe ich dem Wetter ein Schnippchen geschlagen und bin ihm hier, in den Schweizer Bergen, entkommen... nicht etwa, dass es hier kein Wetter gäbe, aber ich sitze bei Grillengezirpse in lauwarmer Nacht, regenlos!! (jedoch nicht reglos) auf dem Campingplatz von Thusis, dem "Basecamp" vor der großen Alpenüberquerung.

Heute hat mein Tacho satte 96 km angezeigt (nicht Geschwindigkeit!!) und ich habe so das Gefühl, mir meine Spaghetti Bolognese, auf meinem Benzinköcherchen zubereitet, redlich verdient zu haben.

Gestern bin ich bei den Eidgenossen angekommen. Als mir gesagt wurde, dass ein Zimmerchen ganze 85 Fränkli kosten würde, habe ich mich darauf besonnen, dass ich ja schließlich auch Zelt und Schlafsack über so manche Anhöhe schnaufender Weise befödert habe. Der Zufall wollte es, dass ich an einem Campingplatz vorbei kam. Leider - und damit meine ich eher die Campingplatzbetreiber - ist eine Anmeldung daran gecheitert, dass all mein Rufen und Wehklagen kein Gehör gefunden haben. Kurzum, der Aufenthalt auf besagtem Campingplatz ist recht preisgünstig ausgefallen.

Auf der Speisekarte standen gestern - which surprise! - Spaghetti, diesmal jedoch mit Tomatensoße, eine Altllast aus "Good Ol' Germany".

Wie es sich meine Mutter immer von mir gewünscht hatte, ging ich mit Anbruch der Dunkelheit zu Bett - oder besser gesagt, zu Isomatte - und stand bei Tagesanbruch mit dem Erscheinen der nicht vorhandenen Sonne auf.

Der Weg im "Veloland Schweiz" (Werbetext) führte den Rheinkanal entlang Richtung Chur. Der Himmel wurde blauer, das Grün der Wiesen satter, die Berge kamen näher und der Hintern..... ja der Hintern!!

Meist war die Strecke eben, langweilig eben, so dass ich mich schon richtig gehend über kleine Erhebungen freute.

Eine kleine Pause in Buchs, bei Holzfallersteak und Bier... und schon ging die Reise weiter. Nach 7 Stunden auf dem Rad war dann das Tageswerk vollbracht.

Was ich noch sagen möchte: Dank moderner Technologie ist es mir möglich, E-Mails via Handy abzurufen. Auch die EInträge in das Gästebuch werden so für mich lesbar. Tausend Dank für eure überaus wohlwollende Mitteilungen. Sie beflügeln mich nicht nur, sondern geben mir und meiner Sache einen extra Schwung! Einen Schwung, den man beim Radfahren natürlich besonders gut gebrauchen kann. Also, nochmals tausend Dank!!

 

14.09.01, Bellinzona, Schweiz

Gestern habe ich noch frohlockt, weil das Wetter sich von einer recht angenehmen Seite gezeigt hatte. Zu früh gefreut!  Seit heute Nacht ist es nur noch am regnen. "Regen" ist noch harmlos im Vergleich zu dem. was hier geboten wird. Es schüttet wie aus Kübeln!
Als mir dann noch gesagt wurde, dass es Schnee auf dem Pass hätte, ließ ich mich dann doch "überreden" und nahm den Post-Bus bis nach San Bernardino - das ist der Ort gleich nach dem gleichnamigen Pass. Immerhin hatte ich die Hoffnung, dass auf der anderen Seite des Passes die Welt etwas freundlicher aussehen möge. Aber ich wurde auf das Schmählichste enttäuscht - auch hier regnete es wie in Strömen. Aber, was tun... da musste ich wohl durch, was bedeutete, dass ich ganze 2 Stunden bei vollem Regen den Berg hinunter gebremst bin. Es war schon ein komisches Gefühl ganz alleine bei aufkommendem Gewitter auf der Passstraße zu sein. Gottseidank konnte ich mich auf meine Magura-Bremsen verlassen, denn bei einer 40 kilometerlangen Regenabfahrt werden höchste Anforderungen an Material (und Mensch) gestellt. Apropos Materialanforderungen - meine Regenjacke (Vaude) hat  sich bestens bewährt, ebenso die Regenhose und Ortliebtaschen. Versagt auf der ganzen Linie haben aber meine Tschibo-Gamaschen, denn meine Socken konnte ich hinterher nur noch auswringen.
Als ich dann nach einem Aufenthalt in Bellinzano (in einer Osteria) das Gefühl hatte, der Regen würde weniger, fuhr ich weiter. Doch wieder sollte mich die Wirklichkeit eines besseren belehren. Also entschloss ich mich das nächstbeste Zimmer anzusteuern. So landete ich schließlich bei einer älteren netten Dame.. Es tut gut in trockenen vier Wänden zu sein, während draußen die Welt im Begriff ist, gänzlich aufzuweichen.
Trotz alle dem ist aber meine Stimmung nach wie vor gut und ich harre der Dinge, die da noch kommen mögen.

 

15.9.01 Ispira, Lago Maggiore, Italien

Heute hätte ich Lust, das Lied von den 10 kleinen Speichenlein anzustimmen, denn soviel hatte ich mit... und nun sind's nur noch neun!

Ich hatte nämlich meinen ersten Speichenbruch... und dann noch hinten an der Zahnkranzseite! Aber dank des Reparaturcrashkurses bei Reiner Stephan hatte ich die Situation souverän gemeistert.

Die Reparatur war eigentlich ziemlich stressfrei - im Gegenteil, ich hätte mir kein schöneres Ambiente vorstellen können: Den Lago Maggiore im Hitergrund, blauer Himmel, warme Sonne und das Gefühl viel Zeit zu haben. (Walter, bei mir kamen natürlich auch Erinnerungen an alte Zeiten auf, zumal die Reparatur just an dem selben Ort statt fand, an dem wir damals wild zelteten - Mann, waren das wilde Zeiten damals!)

Die Reparatur und die darauffolgende Belohnung in Form von Spaghetti und Vino nahm so viel Zeit in Anspruch, dass ich heute nur 65 km schaffte. Ach ja und da war auch noch das Weizen in Laveno an der Strandpromenade. Ihr seht, ich kann den Hedonisten in mir einfach nicht abschütteln. Nun denn... Wein hatte ich, gesungen habe ich auch... an das dritte aber kann ich mich einfach nicht mehr erinnern...

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen: Die Fahrt entlang am Lago war traumhaft schön! Immer wieder streiften Rosenduftwolken meine Nase, Palmen und Bananenstauden säumten denWeg, der See glitzerte in der Sonne...

Dann war es wieder an der Zeit nach einer Schlafstelle Ausschau zu halten. "Internationaler Campingplatz Ispra" klang recht verheißungsvoll. Möglicher Weise konnte ich ja dort mit ein paar Urlaubern einen anregenden Abend verbringen, denn seit meiner Abfahrt hatte ich mit niemandem mehr als 3 Sätze gewechselt.

Doch es sollte wieder mal anders kommen! "Internationaler" Campingplatz bedeutete nämlich eigentlich nichts anderes als "deutscher" Campingplatz, denn alle meine Nachbarn kamen aus Deutschland.

Dabei handelte es sich aber leider nicht um  Alleinreisende, sondern durch die Bank weg um Pärchen, die für sich abgeschlossene Einheiten bildeten. Ich versuchte zwar in Kontakt mit ihnen zu kommen, doch war die Reaktion durchweg ablehnend. "Lass uns in Ruhe, wir wollen für uns bleiben!" Das sagte zwar so niemand direkt, die "Message" musste aber so verstanden werden.

Und so verbrachte ich dann auch den sechsten Tag meiner Reise in "Solitude".

 

16. 09.01, Milano, Italia

Heute, Sonntag, bin ich nun genau eine Woche unterwegs.

Die Beine haben sich allmählich an die Strampelei gewöhnt, meine Durchschnittsgeschwindigkeit hat sich von 12,5 km/h auf ca. 16 km/h hoch geschraubt. Auch mein Hintern scheint sich langsam an das Radfahren gewöhnt zu haben.

Noch immer genieße ich das Radfahren! Besonders hier in Italien, dem Land der Radrennfahrer macht es großen Spass in die Pedale zu treten. Oft werde ich von vorbei radelnden Rennfahrern in schmuckem, oft futuristisch anmutendem Outfit, durch ermunternde Grüße angefeuert. Die Autofahrer hier erweisen sich als sehr rücksichtsvoll. Hin und wieder hupt mal ein Auto, begleitet von freudigem Gewinke.

Ich komme jetzt langsam in die Poebene, was bedeutet, dass es keine allzu hohen Erhebungen mehr gibt. Doch der Weg ist weit.. und mühsam ernährt sich das Eichhornchen!

Ich genieße auch das herrliche Wetter. Bei einer Temperatur von 26 Grad ist es weder zu heiß, noch zu kalt. Sonntagsausflugswetter.

Sorgen macht mir natürlich die Sache mit den Terroranschlägen und die damit zu befürchtenden Konsequenzen. Sollte Afghanistan angegriffen werden, wird wohl auch Pakistan zum Kriegsgebiet erklärt werden. Von Iran ganz zu schweigen. Aber, es dauert wohl noch eine Weile, bis ich dort bin, dann werde ich schon weiter sehen.

Zurück zur Reise: Kurz vor Mailand hatte ich dann den ersten Platten. Das Loch im Schlauch konnte ich nicht ausfindig machen, so dass ich einfach einen neuen drauf machte, in der Absicht, den alten Schlauch bei Gelegenheit und unter Zuhilfenahme von Wasser zu flicken.

Mailand bzw. Milano hat mich auf eine harte Probe gestellt. Erst einmal musste ich eine halbe Ewigkeit durch die Vororte fahren, bis ich endlich im Innenstadtbereich ankam. Von einem riesigen Park aus, in dem sich abertausende Menschen liegender, picknickender und trommelnder Weise tummelten,  schob ich mein Fahrrad  durch einen herrlich anzusehenden Palast und kam dann schließlich zu meinem eigentlichen Ziel, zum Mailänder Dom.

Schade war nur, dass ich mich nicht ganz frei bewegen konnte, da ich immer das Fahrrad mit seinen Packtaschen dabei hatte, und stets mit großem Argusauge darüber wachen musste.

Dann stellte sich mir das Problem, einen Schlafplatz finden zu müssen.

An einem Kiosk mit nettem Inhaber kaufte ich mir einen Stadtplan für Touristen in der Hoffnung Hinweise auf Hotels, Herbergen und ähnliches zu bekommen. Doch die Informationen war recht spärlich, eigentlich gleich Null. So versuchte ich mein Glück, indem ich einfach in der Gegend herumfuhr, in der Hoffnung ein Hotel mit annehmbaren Preisen ausfindig machen zu können. Leider schien es hier in Milano aber nur 3- bzw. 4-Sterne-Hotels zu geben. Bei Nachfrage wurde mir gesagt, dass ein Zimmer ca. 500DM kosten würde.

Einen Campingplatz scheint es hier in Milano auch nicht zu geben, oder wenigstens konnte mir keiner darüber Auskunft geben. Und dann war irgendwann guter Rat teuer. Es begann langsam dunkel zu werden und ich wusste immer noch nicht, wo ich die Nacht verbringen sollte.

Der Stadtplan, den ich gekauft hatte war darüber hinaus die reinste Katastrophe. Die Straßennamen waren von Hand geschrieben, zur Orientierung gänzlich ungeeignet. Ich stellte mich schon darauf ein, einfach in die Nacht hinein zu fahren und dann irgendwo unterwegs mein Zelt auf zu schlagen.

Da stand dann an einer Kreuzung neben mir ein asiatisch aussehender junger Mann mit seinem Fahrrad, der ebenso skeptisch meinen fahrbaren Untersatz beäugte, wie schon so viele zuvor.

Ich fragte ihn nach einem billigen Hotel. Er deutete mir, dass ich ihm folgen möge, er kenne da ein Ein-Stern-Hotel. Dann flitzte er mit mir durch halb Milano, bis wir dann schießlich in eine Seitenstraße mit etlichen Hotelschildern kamen.  Die Antwort im ersten Hotel auf meine Frage nach einem Zimmer war "No".. Also versuchte ich es bei dem Hotel auf der gegenüberliegenden Seite. Als mir dort dann gesagt wurde, dass sie nur "Doppel" hätten und das selbige 90 000 Lira, sprich 90 DM kosten würde, war mir alles recht. Ich nahm es, unfähig, noch weiter in der Gegend herum zu fahren.

Das Zimmer war zwar recht groß, ansonsten aber "low standard". Die Toilette und die Dusche befanden sich auf dem Flur, die Tür lässt sich nicht richtig verschließen....ein Bidet immerhin war im Zimmer vorhanden.

 

17.09.01, Cremona, Italien

Nach Milano hinein zu kommen war ja schon nicht so ganz einfach.... aber der Weg aus der Stadt heraus war für einen Radfahrer fast unmöglich. Ich fuhr immer in Richtung Cremona um schließlich beim Flughafen vor vor einem Gewirr von Autobahnenn zu enden. Nun war guter Rat teuer. Zum Glück hatte ich noch den Milano-Stadtplan bei mir, der mir einen Weg rund um den Flugplatz und um ein riesiges Naherholungsgebiet aufzeigte. Als ich mit all den Umwegen dann doch noch auf die Ausfahrtsstraße nach Cremona kam, verkündete mein Tacho, dass ich immerhin bereits 20 km weit gestrampelt bin.

Die "Strada Nazionale" nach Cremona war ziemlich ätzend. Es gab zwar so etwas wie einen Seitenstreifen, doch die Autos und Laster bretterten mit einem Affenzahn an mir vorbei. Irgendwann hatte ich mich aber daran gewöhnt, so dass ich mich ganz der Monotonie des Radfahrens hingeben konnte. Die Landschaft war ziemlich flach, bietete aber keine besonderen Reize. Hin und wieder kam ich an reizvollen Orten mit wunderschönen alten Türmen und Häusern vorbei. Dann endlich war Cremona in Sicht.

Schnell noch einen Einkauf im Supermarkt. Als ich meine Besorgungen erledigt hatte, standen etliche Leute ganz andächtig um mein schwer bepacktes Fahrrad. Voll derAnerkennung nahmen sie zur Kenntnis, dass ich mit diesem Gefährt den ganzen Weg aus Deutschland gekommen sei. Als ich dann noch danach gefragt wurde, wohin ich fahren wolle und die Antwort "India" war, erntete ich nur noch heftiges Kopfschütteln. Da es begann allmählich dunkel zu werden, war ich ganz froh, als mir gesagt wurde, dass sich ca 7 km weiter ein Campingplatz befinde.

Abends, auf dem recht beschaulichen, abseits gelegenen Campingplatz überkam mich nach dem Genuss einer deutschen Frühlingssuppe und einer Dose Bier, noch eine Form von Tatendrang. Ich fuhr also mit meinem Fahrrad in die "Citta", in der Hoffnung noch irgendwo auf menschliche Aktivitäten zu stoßen. Obwohl es aber erst kurz nach 22 Uhr war, wirkte die Stadt wie ausgestorben. Es machte mir ziemlich Spaß, ohne Gepäck und ohne Orientierung kreuz und quer durch die verwinkelten Gassen zu düsen. Die Stadt mit ihrem altertümlichen Charme machte auf mich einen ausgesprochen guten Eindruck

Ich entschied mich, hier zu verweilen und mir einen Tag Ruhe zu gönnen.

Ich kam dann doch noch zu einem Bierchen (Guinness) und fuhr dann gegen 24 Uhr nach etlichen Irrwegen zurück zum Campingplatz. Dort war bereits alles verriegelt, was mich aber nicht davon abhielt, das Fahrrad kurzer Hand über das verschlossene Tor zu hieven und mir selbst dann kletternder Weise Eintritt zu verschaffen.

 

18.09.01 Cremona, Italien

Ruhetag, endlich! Morgens mal nicht packen und, abends kein Zelt aufbauen müssen. Ich ließ den Morgen einfach so durch Nichtstun an mir vorüber ziehen. Radio hören - denn die Entwicklung der weltpolitischen Aktivitäten interessiert mich brennend - , in Ruhe Kaffee trinken, ausgiebig frühstücken... sonst nichts! Am frühen Nachmittag wagte ich dann einen Ausflug in die Stadt. Cremona machte einen sehr sympathischen Eindruck auf mich. Vor allen Dingen die verwinkelten Gassen und alten Häuser haben es mir angetan. Wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, ist Cremona die Hochburg der Geigenbauer - und in der Tat konnte ich etliche Geigenbauwerkstätten ausfindig machen. Dann, nach langer Zeit ein Internet-Cafe. Es war toll, wieder Kontakt zur Heimat haben zu können.

Ansonsten: Gut essen, gut trinken, gut schlafen!

 

19.09.01 Mantova, Italien, 757km

On the road again! Eigentlich wollte ich früh aufstehen, um möglichst viele Kilometer herunter reißen zu können. Dann aber hatte ich doch gewisse Startschwierigkeiten, so dass ich erst gegen 11 Uhr weg kam. Ich entschied mich für Qualität im Gegensatz zur Quantität und fuhr kleinste Sträßchen durch verschlafene Dörfer und  verträumte Auen.

Ziel war Mantova. Auf meiner Karte - in Cremona neu gekauft - war dort ein Campingplatz eingezeichnet. Wie groß war dann meine Überraschung, als ich erfuhr, dass der

Es wurde beraten, telefoniert, verhandelt und schließlich verschwand ein Gast, um mir nach Campingplatz schon vor über 12 Jahren dicht gemacht hat.

So aber kam ich in den Genuss einer wunderbaren Hilfsbereitschaft. In dem Cafe, bei welchem ich mich nach dem Campingplatz erkundete, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich dennoch zu einem Schafplatz käme.einer ca. halbstündigen Abwesenheit mit zu teilen, dass ich auf einer Farm, ca 3 km von Mantova entfernt, mein Zelt aufschlagen könne. Und damit ich den Platz auch ja finde würde, wurden meine Taschen in den Kofferraum eines Autos verfrachtet.  So wurde ich dann - ich mit dem Fahrrad im Sausetempo hintendrein - zu einer "Hazienda"gelotst. Als ich mich "mille, mille" mal mit "grazie" bedankte, sagte mir der überaus freundiche Cafébesitzer nur, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit sei und er auf Reisen genauso froh über jede Hilfe wäre. Bleibt nur zu hoffen, dass er auch in Deutschland eine entsprechende Form der Hilfbereitschaft finden möge.

Auch die Besitzer der Hazienda, einem etwas abseits gelegenem Gehöft, erwiesen sich als überaus freundlich. Mir wurde angeboten, ich könne mich im Garten mit Gemüse selbst versorgen  und als Schmankerl wurde mir eine Flasche mit selbst erzeugtem Rotwein vor das Zelt gestellt.

In der Nacht hatte ich die erste Begegnung mit einigen blutrünstigen Gesellen, den Stechmücken. Sie müssen mich schon halb ausgesaugt haben, denn als ich mitten in der Nacht aufwachte und zum Gegenschag ausholte, sah ich nur noch rot.

 

20.09.01 Ferrara, Italien,  856 km

Auf der Hazienda hat es mir so gut gefallen, dass ich erst gegen 12 Uhr von dort weg kam. Überhaupt trödelte ich ziemlich in der Gegend herum - machte mal eine Pause am Po, kehrte in eine Trattoria mit traditionellem Essen ein (hmm...multo bene!) und wagte mich dann auf die Straße, die entlang des Podammes führte. Die Straße, oder besser gesagt, das Sträßlein, war gespickt mit Schlaglöchern, so dass ich nur sehr langsam vorwärts kam. Hinzu kam, dass sich das Dammsträßchen dem Flussverlauf anpasste und sich deshalb über zahlreiche Windungen dahin schlängelte.

Als ich dann gegen 17 Uhr meinen Standpunkt überprüfte und feststellte, dass ich noch ca. 40 km bis Ferrara zu radeln hätte, verließ ich die malerische Idylle des Pos und begab mich auf die mörderisch anmutende "Strada Nazionale", eine Art Bundesstraße. Ich fuhr, was das Zeugs hielt und erreichte, als dann die Dämmerung herein brach, Ferrara.

Zum Campingplatz, der ziemlich außerhalb der Stadt lag, war es dann noch eine halbe Weltreise, so dass ich erst bei Dunkelheit an Ort und Stelle war.

Ich war gerade damit beschäftigt, mein Zelt auf zu stellen, als 2 Jungs aus dem Harz mit voll bepackten Fahrrädern des Wegs daher kamen. Ein großes Hallo und und schon waren wir in angeregte Gespräche vertieft. Für mich ein überaus freudiges Ereignis, da ich seit meiner Abfahrt keine Gelegenheit hatte, länger als 5 Minuten mit irgend jemandem zu kommunizieren. Die Jungs, Christian und Norman, stellten ihr Zelt gleich neben meinem auf und so verbrachten wir den Abend mit Essen, Wein und Gespräche über Gott und die Weltpolitik. Als wir dann gegen Mitternacht von den Zeltnachbarn zur Ruhe gemahnt wurden, begaben wir uns zu Luftmatratze. Buona notte!

 

 

21.09.01 Milano Marittima (bei Ravenna),  955 km

 

Um 8 Uhr war ich bereits fit wie ein Turnschuh. "Action" war angesagt. Also fuhr ich mit dem Rad in die Innenstadt von Ferrara (welch Vergnügen, ohne Gepäckstaschen unterwegs zu sein) und ließ die morgendliche Athmosphäre der Universitätsstadt mit seinen zahlreichen Zitadellen und Türmchen auf mich wirken. Der große Markt, der abgehalten wurde, ließ mich relativ kalt, denn kaufen konnte ich sowieso nichts, da ich keinen Fahrradanhänger dabei habe. Die Häuser schienen Jahrhunderte alt zu sein und zeugten immer noch von Glanz und Würde vergangener Zeiten.

So wie Goethe, als er dazumal in Aalen weilte, in seinem Tagebuch lakonisch vermerkte; "viele schöne Mädchen gesehen..." könnte ich von Ferrara ähnliches berichten.

Gegen 12 Uhr war ich wieder am Campingplatz. Eine Stunde später war ich dann startklar und bereit für die Piste. Ravenna hieß das angesteuerte Ziel. Da ich wieder mal recht spät dran war, begab ich mich auf den direktesten Weg, auf die mörderische "Strada Nazionale". Es war manchmal schon recht haarig, wie manche Trucks an mir vorbei donnerten. Positiv dabei war, dass ich durch den Luftsog einen extra Schwung erhielt.

Dann wurde mir wieder mal der Beweis dafür geliefert, wie klein doch eigentlich unsere Welt ist. Auf dem Weg nach Ravenna verspürte ich Hunger und versuchte mein Glück selbigen in einer etwas abgelegenen Pizzeria (in einem kleinen Nest namens Consandolo) zu befriedigen. Nun zu essen gab es nichts mehr - dazu war es schon zu spät, schließlich war es bereits nach 14 Uhr - doch bestellte ich mir wenigstens ein Bier und kam dabei mit dem Besitzer der Pizzeria ins Gespräch. Als ich ihm auf seine Frage nach meiner Herkunft antwortet, ich würde aus "Germania" kommen, sagte er mir, dass seine 3 Brüder in einer Stadt namens Aalen leben würden. Erst dachte ich, ich hätte ihn falsch verstanden, doch als er sein Adressbuch brachte und ich feststellte, dass es sich hierbei tatsächlich um "mein"Aalen handelte, war ich über alle Maßen verblüfft. Einer seiner Brüder betreibt dort wohl irgend eine Diskothek, der andere ist Athlet, wenn  ich es richtig verstanden habe, bei den Ringern vom KSV Aalen. Ihre Namen sind Silvano und Antonio Iannacone.... vielleicht kennt sie ja jemand.

Die "Strada"  verbreiterte sich vor Ravenna in eine zweispurige Schnellstraße. Zwar hatte ich kein Verbotsschild für Radfahrer gesehen, dennoch fühlte ich mich etwas fehl am Platz.

Die Zeit war nun schon so voran geschritten, dass ich das geplante Kulturhappening Ravenna kurzer Hand strich und nur noch das Meer im Sinn hatte.

Und endlich, nach mehr als 5 Stunden Fahrt, war es dann so weit: Il mare! Für mich, den Binnenländer, stets ein besonderes Ereignis. Da meine Beine - und der Rest des Körpers auch - schon ziemlich  müde waren, trachtete ich nur noch nach einem Campingplatz. Doch  schockschwerenot: alle Campingplätze waren geschlossen. Die Saison schien vorbei zu sein. So begab ich mich einfach an einen Lido und brachte es zu Stande, trotz heftigem Wind, mein Zelt im Sand zu verankern. Gut, dass meine Gepäckstaschen die nötige Schwere hatten, das Zelt am Wegflug zu hindern.

Gut auch, dass ich gestern bei Lidl war (Jawoll, richtig gelesen!) und noch etwas Wein und und  Brot an Bord hatte.

 

22.09.01, Riccione, Italien

Also, die Welt ist echt klein. Wie es sich heraus stellte und wie man es auch im Gästebucheintrag von Lothar und Marlene nachlesen kann, sind die Brüder Iannaccone tatsächlich keine Unbekannten. Nur Silavano heißt eigentlich Salvatore und ich habe nicht den Bruder sondern den Cousin getroffen. Aber das tut nun wirklich nichts zur Sache. Jedenfalls habe ich schon mal mit den Schwiegereltern von Antonio ein berauschendes Fest gefeiert. Jedenfalls von dieser Stelle aus meine herzlichen Grüße an die Iannaccones in Aalen!

Der Tag heute begann bilderbuchmäßig mit Sonnenaufgang und einer Tasse Kaffee an einem unbelebten Strand. Danach bin ich guter Dinge den vielgepriesenen Teutonengrill abgefahren - nur das Grillfleisch hat sich etwas rar gemacht! Sonnenschirme und Strandfahrzeuge standen ziemlich verwaist in der Gegegnd herum. In den wenigen Gastronomiebetrieben, die noch offen hatten, standen die Kellner händeringend und däumchendrehend an den Eingängen und warfen mir sehnsüchige, erwartungsvolle Blicke entgegen.

Manche Straßenzüge schienen sich bereits ihres postsaisonalen Schicksals ergeben zu haben. Die Rollläden und Jalousien wurden erst gar nicht mehr hoch- bzw. herunter gezogen. Hätte es, wie wir es von Wild-West-Filmen her kennen, abgestorbenes Gezweig durch die Straßen geweht, ich wäre nicht im Mindesten überrascht gewesen.

Ich fuhr stets entlang der Küstenstraße, selbst unter Mißachtung der Einbahnstaßenregelung - was mir eine besondere Freude vermittelte, da sich hier in Italien nun wirklich niemand darum zu kümmern scheint.

Ich war überwältig zu sehen, wie sich 50 Kilometer lang eine Anlage nach der anderen wie an einer überdimensionalen Perlenschnur an einanderreihte.

Und dann kam das El Dorado touristischer Träume. die Mutter aller Ressorts, die Wiege des Masssentourismus': Rimini! Der Ort, bei welchem in meiner Kindheit bei seiner bloßen Nennung unendliche Neidgefühle aufkamen, wenn Schulkameraden erzählten, dass sie dort ihre Ferien verbrachten, wo ich es mit meiner Familie doch nur bis Österreich schaffte. Im Nachhinein muss ich jedoch fairer Weise zu geben, nicht viel versäumt zu haben. Auch hier das gleiche Bild, wie schon die vielen Kilometer zuvor: Eine in Plastik getauchte mediterrane Disneywelt mit höchst gelangweilten Gesichtern links und rechts der Straße.

Ehe ich mich recht versah, war ich plötzlich in Riccione (wieder so ein Zungenschmeichler) gelandet. Hier ging im Vergleich zu den Orten davor regelrecht der Punk ab! In der Fußgängerzone drängten sich alt an jung, flippig an schnuppig und üppig an dürftig.

Und siehe da, es gab sogar noch einen Campingplatz, der seine Pforten geöffnet hatte. Also nichts wie hin! Immerhin brauchte ich mal wieder eine Dusche, auch meine Klamotten sehnen sich nach einer gründlicher Auffrischung.

Ein Spaziergang am Meer erfrischte mein Gemüt, genau so wie meine schwitzenden Füße. Ach, wie herrlich ist es, durch Meerwasser watend die Unendlichkeit des Himmels ausloten zu wollen.

Doch zurück zur Realität! Auf dem Campingplatz verpasste ich mir eine Ladung Spaghetti, um mich dann in das riccionische Nachtleben zu stürzen, das aber in einer Bar cum Fast Food ein vorläufiges Ende fand.

 

 

23.09.01, Riccione, Italien, Ruhetag

Ok, ich bin dann gestern noch in einer Diskothek gelandet! Abgesehen von einer ganz netten 3-

köpfigen Band (Keboards, Sängerin und Sänger), die italienische Gassenhauer zum Besten gab, gibt es davon nicht viel zu berichten. Das übliche Saturday-Night-Fever und das gleiche Show-Off wie überall in solch Lokalitäten rund um den Erdball. Vielleicht ist doch noch erwähnenswert, dass es sich hierbei um eine Disko für schon etwas

betagtere Gäste handelte - immer hin war ich dabei nicht ganz fehl am Platz.

Der Ruhetag tat mir wieder mal gut. De morgendliche Regen ließ mich, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, bis 11 Uhr im Schlafsack verweilen. Dann Wäsche waschen, Kaffee trinken,

Radio hören, lesen...

Mein Fahrrad wurde einer Inspektion unterzogen und erhielt mit Sicherheit nicht seine letzte Ölung, der defekte Schlauch wurde geflickt, der Sattel nach gespannt...

Gegen 15 Uhr überkammich dann doch noch ein Hungergefühl und ich flitzte mit meinem frisch geölten Rad zu Mc Donalds, um mir ein Big Mac ein zu verleiben - die Küchen all der anderen Gastronomiebetriebe waren zu dieser Tageszeit leider "außer Dienst".

Ein Ausflug an den Strand, der ob einer unbemannten Liege sehr verheißungsvoll begonnen hatte, fiel dann leider buchstäblich ins Waser. Ich war gerade so schön am dösen, umgeben von der einschläfernden Melodie des Meeresrauschens, als mich kalte nasse Tröpfchen von oben jäh aus

meinen Träumen rissen.

Am Abend: same procedure as every day...

 

24.09.01, Ancona, Italien, 1104 km

Ein bemerkenswerter Tag! Gegen 3 Uhr morgens bin ich durch ohrenbetäubenden Lärm aufgewacht. Regen trommelte gegen mein Zelt, dass ich schon befürchtete, die Tropfen könnten meine Zeltwand durchschlagen. Das ist gottseidank nicht passiert, doch das Regenspektakel zog sich durch die ganze Nacht. Das war schlichtweg zuviel für mein 270 DM Zelt! Am Morgen drang Wasser ins Zeltinnere, so dass ich alle Hände voll zu tun hatte, meine wenigen Kostbarkeiten in Sicherheit zu bringen. Meine Isomatte entwickelte sich schon langsam zur Schwimmbadluftmatratze und mein Schlafsack wurde langsam und allmählich nass und klamm. Zeit, das Feld zu räumen! Die Motivation war nicht all zu groß, bei all der Nässe, die auf mich von allen Seiten einströmte. Irgendwie habe ich es dann doch noch hinbekommen, meine Sachen zu packen - doch, oh Schreck! Das Hinterrad hat über Nacht Luft gelassen und war nun ziemlich platt. Mir gings genauso. Zumal ich doch erst am Tag zuvor den scheiß (fucking!) Schlauch geflickt habe! Irgendwas musste da wohl schief gelaufen sein. Doch es half kein Jammern, half kein Klagen... da musste ich durch. Zur Sicherheit zog ich gleich mal den letzten unbenutzten Schlauch auf. Aber diese Luftpumpe....!! Ich habe so ein kurzes aerodynamisches Stummelding, mit dem ich mir erst fast einen Armkrampf und dann einen Weinkrampf holte. Wie konnte ich auch wissen, dass die Luftpumpe auf meiner Reise einen solch hohen Stellenwert einnehmen würde!

Dann hatte ich - ganz unerwartet- ein sehr nettes Erlebnis. Hank, mein Campingplatznachbar, der mit seiner Frau -beide aus Holland- (ganz klischeehaft mit Wohnwagen) in Italien unterwegs war, schenkte mir zum Abschied 2 Großpackungen exquisiter Zigarren. Mir ist natürlich klar, dass sich die Zigarren nicht unbedingt mit dem Fahrradfahren vereinbaren lassen... aber... man gönnt sich ja sonst nichts!

Gerade, als ich voll des Elans losfahren wollte, ereignete sich der nächste Wolkenbruch. Also Regenhose und Regenjacke angezogen - in der Zwischenzeit war es bereits nach 12 Uhr. Plötzlich riss wieder der Himmel auf und die Sonne ließ mich in dem Regenzeugs schmachten -  also wieder weg damit. So hätte es den ganzen Tag weitergehen können. Irgendwann wurde es mir aber zu blöd und ich beschloss, dem Regen meine Stirn zu bieten. Was machte es schon, wenn zu der von innen erzeugten Nässe (sprich Schweiß), eine Nässe von außen her dazu kam. Im Gegenteil, immer mehr begann ich den Regen als willkommene Erfrischung anzusehen, denn man bedenke: "All is mind game...!"

Die Straße nach Ancona zeigte ihre ersten Tücken. Vor Pessaro ging es 4-spurig ca. 4 km lang den Berg hoch. Dass all die Dieseldämpfe, die ich während dieser Strecke zu mir nahm, mindestens ein Jahr Rauchen wett machen, brauche ich wohl nicht besonders zu erwähnen!

Dann, ich war gerade so richtig schön in Fahrt, das Gefühl, vorne zu schwimmen, besser gesagt: abzusaufen. Meine Diagnose erfolgte sogleich: Plattfuß! Glück für mich, dass gerade eine Tankstelle mit Snackbar auf gleicher Höhe war. Erst mal 'ne Cola und 'ne Zigaratte.... nachdem ich das neu entstandene Problem erfolgreich ausgeblendet hatte, schritt ich, bzw. setzte ich mich zur Tat. Der Reifen (es war zum Glück nur der Vorderreifen) war keine allzu große Herausforderung. Das Loch war schnell gefunden, auch die Ursache, eine spitze Glasscherbe, wurde schnell ausgemacht. Aber das Pumpen!!! Ich nahm mir fest vor, sobald ich einen Fahrradladen ausmachen sollte, eine "richtige" Luftpumpe besorgen zu wollen.

Ein Blick auf die Uhr verkündete mir, dass es bereits nach 16 Uhr geworden ist. Ich erinnerte mich so ungefähr, dass von Ancona aus nach Igoumenitsa (Griechenland) ein Schiff um 16 Uhr und ein anderes um 18 Uhr zur See stechen würde. Mit viel Glück könnte ich es schaffen, schießlich war ich nur noch 45 km von Ancona entfernt! Also radelte ich, was das Zeugs hielt. Blöd war natürlich diese 4-spurige Straße, die ziemlich steil nach oben führte und zu allem Überfluss auch noch in einen Tunnel mündete.

Ja, ich konnte sie verstehen, die hupenden Lastwagenfahrer! Was hat dieser blöde Radfahrer auch auf ihrer Raser-Highway verloren!!! Ich fühlte mich echt Scheiße und rechnete im nächsten Moment, dass mich Polizia oder Gendarmeria (wer jetzt für was zuständig ist, ist und bleibt wohl ein Rätsel für mich) mit viel Tatü und Tata zur Rede stellen würden. Dies geschah zum Glück nicht, doch zeigte mir ein Blick auf die Uhr, dass die Zeit verdammt knapp geworden ist. Noch eine halbe Stunde bis 18 Uhr und noch 11 km zu fahren! Zu allem Überfluss setzte wieder ein sintflutartiger Regen ein und die Straße wurde wieder 4-spurig, ansteigend.

Naja, als ich dann ziemlich genau gegen 18 Uhr das Ortschild von Ancona wahrnahm und der Hafen laut Beschilderung noch 5 km weit entfernt war, glaubte ich nicht mehr so ganz recht daran, dass ich das Schiff noch kriegen könnte. Irgendwie hoffte ich aber auf eine verspätete Abfahrtszeit des Schiffes. Wie groß war dann meine Aufregung, als da- natürlich bei strömendem Regen- ein Schiff mit griechischen Lettern im Hafen lag! Doch noch galt es erst den Weg mit der Kirche ums Dorf zu machen. In Gedanken sah ich das Schiff bereits ablegen, just in dem Moment, wenn ich den Landungssteg erreicht hätte.

Doch wie so oft gab es auch hier ein "Happy End". Die reguläre Abfahrtszeit des Schiffes war nämlich 19 Uhr. Ich bekam noch rechtzeitig mein Ticket und das Fahrrad plus Mann kamen an Bord. Das Schiff, die Besatzung und das alleinige Zahlungsmittel an Bord waren griechisch. Deshalb hatte ich das Gefühl, von jetzt auf nachher in Griechenland angekommen zu sein. Der Retsina-Wein, den ich im Self Service Restaurant zu mir nahm, bestärkte mich in dieser Annahme.

So, und jetzt: Kali Nichta! Alles "Poli Kala!"

 

25.09.01, Igoumenitsa, Griechenland, 1109 km

Die Überfahrt von Ancona nach Igoumenitsa verlief sehr ruhig. Zu ruhig fast. Auf Deck war ich der einzige, der dort im Schlafsack nächtigte.

Gleich, nachdem die Sonne über den Horizont schaute, war Land in Sicht. Kleine, grüne Inselchen ließen bei mir Vorfreude auf Griechenland aufkommen. Ich war noch so sehr in die Betrachtung von Meer, Land und den vorbeifahrenden Schiffen vertieft, dass ich es erst registrierte, dass wir Igoumentisa anliefen, als auf dem Schiff bereits Anstalten gemacht wurden, die Laderampen zu senken. Nun aber höchste Eisenbahn! Ich schnappte meine 40 kg Gepäck, zwängte mich in den Aufzug, und als ich endlich bei meinem Fahrrad war und die Taschen befestigen wollte, wurden bereits Kommandos zur Weiterfahrt gegeben. Der Schiffsmannschaft durch Armgefuchtel und Schreie zu signalisieren, sie wollten doch noch auf mich warten und das Gepäck auf dem Fahrrad fest zu machen waren eins. Schweissgebadet, mit schwerem Atem und  pochendem Herzen stand ich schließlich an Land. Griechenland!

Fast könnte man von einem Kulturschock sprechen, so viele Gegensätze im Vergleich zu Italien nahm ich wahr. Zum einen war da das nahezu subtropische Klima, eine ungegeheure schwüle Hitze. Schriftzeichen, die nur mit viel Phantasie zu entziffern waren, blühende Sträucher, orientalisch anmutende Trucks und breitstämmige Männer mit machohaftem Gebaren. Als ich mir gleich mal in einem Straßencafé einen Kaffee bestellte, um mein von der vorausgegangen Hektik erregtes Gemüt zu beruhigen, ertappte ich mich, wie ich noch ganz in italienischer Manier meine Bestellung aufgab.

Weit bin ich an diesem Tag nicht mehr gekommen. Ich steuerte zielstrebig einen Campingplatz an, der sich ca. 5 Kilometer außerhalb des Ortes befand. Ein Bergrücken, den es bei der Mittagshitze zu überwinden galt, bot mir eine Vorahnung dessen, was in nächster Zeit noch so auf mich zukommen würde.

Auf dem Campingplatz, welch angenehme Überraschung, standen zwei Motorräder mit Göppinger Kennzeichen. Tanja und Martin waren gerade nach 4 wöchigem Motorradurlaub in Griechenland auf dem Nachhauseweg. Bevor ich überhaupt dazu kam, mein Fahrrad abzusatteln, waren wir bereits seit mehr als einer Stunde in Erzählungen vertieft.

Eine üppige griechische Mahlzeit, ein Bad im angenehm warmen Wasser am Strand gleich hinter dem Campingplatz und ein Schläfchen in der Sonne waren meine Nachmittagsbeschäftigungen.

Dann traf ein motorradfahrender Exot aus Östereich auf dem Campingplatz ein. Martin war mit einer indischen Enfield den ganzen Weg von Indien bis hierher gefahren. Nahezu dieselbe Route, wie ich sie, in entgegengesetzter Richtung, vorhabe zu fahren. Klar, dass es dabei viel Gesprächstoff gab. Wichtig für mich besonders seine Einschätzung, was die Reaktionen der Bevölkerung in Iran und Pakistan auf die Terrorakte in den USA anbelangt.

Der Abend endete zünftig im Campingplatzrestaurant mit gutem Essen, viel Trinken und ausgelassener Unterhaltung.

Hitchcock-Feelings kamen auf, als Tausende von Vögeln die Eukalyptus-Bäume neben den Zelten  mit ohrenbetäubendem Lärm bevölkerten. Am Morgen war der Spuk vorbei. Nur noch die weißgefleckten Hinterlassenschaften auf Zelt und Fahrrad zeugten von der Invasion der Vögel.

 

26.09.01, Igoumenítsa, Ruhetag

Ich mach's diesmal kurz: Abschied nehmen, in die Stadt radeln, im Meer baden und vieeel Ruhe! Schließlich heißt das nicht umsonst Ruhetag!

 

27.09.01, Rodotópi (ca. 25 km vor Ioannina), 1176 km

Gestern war quasi die Ruhe vor dem berühmten Sturm. Noch von Italien und seinen ebenen Po-Gefilden verwöhnt, gings heute für mich gut zur Sache. Ich kuckte mir auf meinem frisch erstandenen Autoatlas! eine Nebenstrecke zur vielbefahrenen Hauptstrecke nach Ioannina aus, die auf dem ersten Blick ganz manierlich aussah. Teilweise entlang eines Flusslaufes und irgendwie nicht ganz so kurvenreich, wie die Hauptstrecke. Die Sache ließ sich ja eigentlich auch ganz gut an. Ein ruhiges Sträßchen, das vorbei an abseits gelegenen Dörfern und Behausungen führte, die einen griechisch-rustikalen Charme ausstrahlten. Die Menschen wirkten auf mich nahezu scheu und zurückgezogen. Die Grußformel "Jassus" verkürzte sich von Kilometer zu Kilometer, erst auf ein "Jassu", dann auf ein "Jass", auf ein "Ja" und schließlich auf ein kurz angedeutetes Kopfnicken. Das Wetter konnte durchaus als phantastisch bezeichnet werden. Blauer Himmel bei 30 ° C  mit angenehm kühlem Wind bei einer Reisegeschwindigkeit ab 10 km/h. Wehe aber man fuhr weniger schnell oder blieb gar in der Sonne stehen!

Die Vegetation war sehr üppig; blühende Sträucher, Kakteen, Walnussbäume, Olivenhaine und Bambusstauden. Auch der Geruchssinn kam voll auf seine Kosten: Thymian, Basilikum und andere Kräuter umschmeichelten meine Nase.

Rechtzeitig in Einklang zu meinem Hungergefühl tauchte eine kleine Ortschaft, bestehend aus vielleicht 10 Häusern auf. Immerhin gab es eine Taverne und so beschloss ich dort zu verweilen, um dem flauen Gefühl in meiner Magengegend Abhilfe zu verschaffen. Natürlich konnte mich niemand verstehen. Aber die internatioale Zeichensprache funktionierte auch hier und so wurde für mich extra, denn ich war der einzige Gast, angerichtet: Griechischer Salat mit Feta, dann eine riesige Portion Lammfleisch mit Weissbrot als Beilage. Ich war pappsatt und hätte nun eigentlich ein kurzes Verdauungsschläfchen gut vertragen können. Statt dessen schwang ich mich in meinen Fahrradsattel, nichts ahnend, was mich nun erwarten sollte. Die nächsten  20  Kilometer sollte es nämlich von nun an nur noch bergauf gehen. 700 Höhenmeter galt es zu überwinden, manchmal mit Steigungen bis zu 13 %. Klar, dass ich hierbei das Luftkühltempo von 10 km/h nicht halten konnte -  ergo kam ich mit dem Wassertrinken kaum mehr nach, so hoch war die "Verdunstungsrate".

Von einem Ortsschild in die Irre geleitet, endete ich am Ende einer verlassenen Ortsschaft in einer Art Sackgasse. Eine ältere Frau, die ich durch die offen stehende Haustüre ausmachte, fragte ich nach der von mir angepeilten Richtung. Wie gross war meine Überraschung, als mir die Frau in nahezu fließendem Deutsch eine Wegbeschreibung gab. Danach fragte sie mich ob ich Durst hätte und lud mich auf eine kalte Cola ein. Sie bot mir auch  zu essen an, doch immer noch satt von Lammfleisch & Co, lehnte ich dankend ab. Es stellte sich heraus, dass die Frau 35 Jahre in der Großküche des Solinger Krankenhauses arbeitete und nun als Rentnerin in ihr griechisches Geburtshaus zurückgekehrt ist.

Wieder auf der Piste war auch die Cola schnell verdunstet. Und dann, ich konnte es kaum fassen, hatte ich nach stundenlanger harter Arbeit den Pass erreicht! Ca. 3  km hielt sich die Straße ganz eben, um dann im Sturzflug wieder auf 100 Meter Höhe abzusinken. Die Talfahrt war berauschend, doch hielt sich meine Freude eigenartiger Weise in Grenzen. Ähnlich müssen sich wohl auch die tibetische Mönche fühlen, wenn sie nach monatelanger filigraner Fertigstellung eines Mandalas dem Kunstwerk mit einem einzigen Besenstreich ein Garaus machen. Aber dann kam mir das Motto der Reise wieder in den Sinn ("Der Weg ist das Ziel") und war sogleich im Rückblick auf die schönen Momente, die ich während der Fahrt hatte, wieder versöhnt.

Als ich wieder auf die Hauptstrasse nach Ioannina, meinem Ziel, einbog und die Schilder mir verkündeten, dass ich immer noch 42 km zu fahren hätte, begann ich zu rechnen. Mir wurde klar, dass ich Ioannina nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würde; es sei denn, ich könnte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über  20 km/h fahren, was mir aber in Anbetracht der großen Steigungen, die noch zu befahren wären, als aussichtslos vorkam.

Ungefähr 25 km vor Ioannina entdeckte ich von der Straße aus eine schöne, versteckte Wiese, die mich geradezu anlächelte. Also nichts wie hin! Zelt aufgebaut, Süppchen gekocht, Sterne gezählt. Danach waren die Schäfchen an der Reihe.

 

28.09.01, Ioannina, 1201 km

Heute war nun wirklich nicht mein Tag! Mitten in der Nacht schreckte ich auf, weil plötzlich mein "Bike-Alarm" ein stakkatoförmiges mörderisch lautes Alarmsignal von sich gab. Wie ein geölter Blitz hechtete ich samt Schlafsack aus dem Zelt, um den Alarm per Schlüssel zu deaktivieren. Was mochte den Alarm ausgelöst haben? Der Wind konnte es nicht gewesen sein, also kamen nur noch Mensch oder Tier in Betracht. Die Fahrradalarmanlage mit ihren 95 db wurde aber nicht nur von mir, sondern auch von sämtliche Hunden im Umkreis von etlichen Kilometern recht deutlich vernommen, so dass sie allesamt auf den Plan gerufen wurden und  ein sehr geräuschintensives Wettbellen veranstalteten.

Ich verharrte noch eine Weile vor dem Zelt, die Sinnesantennen voll ausgefahren. Außer einem blinkenden und funkelnden Sternenhimmel konnte ich jedoch nichts Außergewöhnliches entdecken. Irgendwann wurde ich von den  Hunden in den Schlaf gebellt.

Das Erwachen am Morgen war recht unfreundlich. Die Nacht war sehr kalt gewesen und der Morgentau klebte an Zelt und Gras. Einem Reptil gleich, kam ich erst so richtig in die Gänge, als die Sonne sich anschickte, die Erde mit ihren wärmenden und taufressenden Stahlen zu beglücken.

Dann war Tortur pur angesagt. Über eine Strecke von ca. 15 km ging es nur bergauf, danach war wieder -natürlich- Talfahrt angesagt.

Es ist schon sehenswert, welche Arten von Abfall sich links und rechts der Straße tummeln. Man könnte daran, bestimmt mit sehr guten Erfolgsaussichten, eine Studie über das griechische Konsumverhalten anstellen.

Da ich mich ziemlich ausgepowert fühlte und auch  befürchtete, dass eine Erkältung im Anmarsch sei, ließ ich es für diesen Tag, nach nur 25 Kilometern Fahrt, gut sein und begab mich auf den Campingplatz von Ioannina, der ganz malerisch an einem See lag.

Die Griechen in diesem Landstrich sind weit davon entfernt sich vor Freundlichkeit überschlagen zu wollen. Die meisten Gesichter, die mir  begegneten, waren mindestens genau so griesgrämig wie meins, so dass mir Aalen fast schon wie eine Insel der Glückseeligen vorkam.

Meine Stimmung verbesserte sich jedoch schlagartig, als ich mit meinen Campingnachbarn aus Görlitz in Kontakt kam. Ein sehr jung aussehendes Rentnerehepaar auf mehrwöchigem Trip mit dem Wohnwagen durch Griechenland. Sie waren mir gegenüber sehr fürsorglich und luden mich quasi als meine "Vizeeltern" (Originalton) am Abend zu Wein und Melonenstücke ein. Die Schilderung der jüngsten deutschen Geschichte aus ihrer, also aus ostdeutscher Sicht, war sehr aufschlussreich für mich.

 

29.09.0, Metsovo, Griechenland, 1253 km

Gottseidank ist die befürchtete Erkältung ausgeblieben. So konnte ich nach dem Frühstück und dem Abschied von meinen "Vizeltern" in bester Verfassung Richtung Katara-Pass losradeln. Auch die Verfassung meines Fahrrades war, nach dem ich am Tag zuvor umfängliche Wartungsarbeiten vornahm, recht gut. Es konnte also nichts mehr schief gehen. Innerlich gewappnet, dass dies der Tag der Höhenflüge, sprich Steigungen, werden sollte, begann ich mein Tagwerk. Und, was soll ich sagen: es ging bergauf, dann wieder bergab, dann wieder bergauf und dann nur noch bergauf. Ermuntert durch die vielfältigen Reaktionen der Straßemitbenutzer, ein freundliches Winken, ein in die Höhe gehobener Daumen, ein anspornender Zuruf, ging die Fahr gut voran. Es gab natürlich auch Reaktionen, die ich nicht so eindeutig zuordnen konnte: Ein unmotiviertes Gehupe oder ein laut zu vernehmendes Gegröle aus dem Wageninnern von irgendwelchen griechischen Halbstarken.

Ich fand meinen Rhythmus und schraubte mich auf dem niedrigsten Gang Windung um Windung nach oben. Wenn ungefähr 100 Höhenmeter erkämpft waren, stieg ich für kurze Zeit aus dem Sattel, um meinen Wasserhaushalt wieder auszugleichen.

Sattel und Hinterteil haben sich auf wunderbare Weise angefreundet und sind sich näher gekommen, bzw. der Kernledersattel hat sich meinen Gesäßkonturen angepasst,

 so dass ich, was die Poebene anbelangt, weitgehend sorgenfrei blieb.

Ich war bereits auf 1200 Metern Höhe (der Katara-Pass liegt 1700 Meter hoch), als die Sonne Anzeichen machte, hinter dem Bergmassiv abtauchen zu wollen. Schon innerlich auf eine kalte, einsame Nacht in irgendeiner Talsenke eingestellt, begegnete mir eine Frau, die mit ihrem Enkel unterwegs war und mich auf gut deutsch auf das Hotel "Akropolis",  welches ihrer Schwester gehörte, aufmerksam machte. Warum eigentlich nicht, dachte ich mir, schließlich habe ich heute schon genügend Abenteuer erlebt und bog darauf hin in das Dorf Metsovo ab. Das Hotel war gleich am Ortsrand. Sein Besitzer, ein ehemaliger Heilbronner, versuchte micht schon von Weitem als Hotelgast anzuwerben. Ein bisschen gehandelt - schließlich ist ja Nebensaison- und schon war ich in einem Zimmer mit Dusche einquartiert. Auch nicht schlecht. Nachdem ich mich meiner verschwitzten Sachen entledigt hatte, stürzte ich mich ins "Nachtleben" von Metsovo und war mehr als erstaunt zu sehen, dass es sich hierbei um einen Touristenort erster Güte mit allem drumrum handelt. Der Ort hat nur einen Nachteil: Er ist an den Hang gebaut und um in den Ortskern, sprich ins Zentrum zu kommen, benötigt man schon fast bergsteigerische Qualitäten. So fühlte ich mich heute eben nicht nur als Jan Ullrich, sondern noch dazu als Reinhold Messmer.

 

30.09.01, Kalambaka (Meteora), 1319 km

Ich genoss es, kein Zelt zusammen bauen zu müssen. Und ich genoss sogar das Fahrradfahren mit dem Wissen, dass bis zum Pass nur noch 400 Höhenmeter zu überwinden seien. Die Aussicht auf die Berge des Pindos-Gebirge wurde immer eindrucksvoller und veranlasste mich so manches Mal "auf ein Foto" anzuhalten. Die Straße war sehr gnädig mit mir und stieg nur relativ gemäßigt an, so dass es mich nicht allzu viel Anstrengung kostete, den Pass zu erreichen.

Dann ging es im Brausetempo bergab. Über eine Strecke von 20 km konnte ich es so richtig sausen lassen. Die Freude wurde nur ein wenig durch den kalten Fahrtwind getrübt. Dann galt es noch etliche Kilometer auf ebener Strecke zurück zu legen. Doch, oh Graus, ich hatte starken Gegenwind und musste deshalb mit großer Kraftanstrengung dagegen ankämpfen. Der Wind war stellenweise so stark, dass ich sogar bei abschüssiger Strecke zu strampeln hatte.

Doch dann konnte man bereits die Felsen von Meteora erkennen. Die noch zu radelnde Entfernung wurde überschaubar und irgendwie habe ich es auch dann geschafft, den  Campingplatz "Meteora Gardens" zu erreichen.

Mein Platznachbar, ein Arzt aus der Gegend von Augsburg, allein unterwegs in einer riesigen Kiste, lud mich zu Melonenstückchen und "Small Talk" ein.

Auch nach dem Abendessen saßen wir noch einmal bei Wein und Radio zusammen, um die großen Themen unserer Zeit zu erörtern.

 

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