Startseite
Startseite
Tagebuch
Infos
Gästebuch
Chat
Links
Kontakt
Photos
Zeitung
Oktober 01

Oktober 2001

01.10.01, Meteora, Ruhetag

Nach einem sehr ausgiebigen Frühstück mit meinem Zeltnachbarn (zuvor waren wir noch im Supermakt lecker einkaufen), begann ich meine Expedition zu den Meteora-Klöstern, welche auf der Hitparade griechischer Sehenswürdigkeiten ganz oben plaziert sind.

Vor ungefähr 600 Jahren begaben sich orthodox-byzanthinische Asketen in die Höhlen der zerklüfteten Felslandschaft auf die Suche nach Gott mittels Buße und Gebet. Nach und nach gesellten sich mehr Asketen und Mönche hinzu, so dass irgendwann die ersten Klöster auf den Felsen entstanden. Zu den Klöstern, die früher teilweise nur mittels Strickleitern und Tansportkörben erreicht werden konnten, führen heute gut ausgebaute Steintreppen, um der Masse an Touristen Herr zu werden.

Die Klosterkapellen sind sehr dunkel gehalten, jeder Millimeter an Wand und Decke ist mit Darstellungen aus der christlichen Mythologie ausgefüllt. Ich nahm mir die Zeit und betrachtete die Darstellungen in einem Kirchenvorraum etwas genauer: Bestimmt 20-30 unterschiedliche Arten, wie Märtyrer zu Tode kommen können, waren dargestellt. Da wurden mit Sägen Köpfe aufgesägt, Köpfe abgehackt, Menschen zu Tode geschleift, in einer Art Schraubstock zu Tode gedrückt usw. Es war das reinste Gruselkabinett. Dass es sich bei den Dahingerafften jeweils um Märtyrer handelte, konnte man daran erkennen, dass sie alle eine Art gelbe Seifenblase um den Kopf hatten, einen sogenannten Heiligenschein.

Ach wie wohltuend im Vergleich dazu war die Begegnung, die ich nun haben sollte. Ein Wohnmobil mit Aalener Kennzeichen fuhr an mir vorüber und, noch besser, es stoppte sogar ca 100 m weiter. Klar dass ich seine Insaßen ansprach und sie nach deren Herkunft befragte. Die Freude war groß, als es sich herausstellte, dass es sich um "waschechte" Aalener handelte. Und nicht nur das: Mary Jane hatte einen Friseursalon in derselben kleinen Straße in der ich aufwuchs und kannte meinen Vater sehr gut, der regelmäßig sein spärlich besetztes Haar bei ihr schneiden ließ. Auch der männliche Part, Wolfgang Köllges, ist in Aalen kein Unbekannter. Die Werbung seiner württembergischen Versicherungsagentur war mir von vielen Aalener Szenenblättern her durchaus ein Begriff. Das musste gefeiert werden! Zum Glück verfügt so ein Wohnmobil - ganz im Gegensatz zu einem Fahrrad - über viel Stauraum und einen ordentlichen Kühlschrank.

"Hefewoiza" und Original "Woizagläser" wurden hervor geholt, um mitten zwischen meteoranischen Felsengebilden eine Begegnung der wunderbaren Art zu feiern. Eine gute Brazil durfte natürlich auch nicht fehlen. Und so kam es, dass ich nach mehr als einer Stunde mit einer Packung Zigarren, einer Dose Cola und eine gehörigen Portion "Aalener Kolorit" reichlich beschenkt, wieder von dannen fuhr.

 

02.10.01, Larissa, Griechenland, 1399 km

Das soll es auch geben! Ich hatte Rückenwind und schwebte auf der Ebene mit 25 km/h wie Graf Bobby über die Landschaft. Das Glück war mir aber nur bis Trikala gegönnt. Nachdem ich eine "Ehrenrunde" in dieser sympathisch-quirligen Stadt  mit einer schönen Fußgängerzone drehte wurde es ernst. Der Wind hatte sich mir wieder abgewandt, was zähes Forwärtskommen zur Folge hatte. Sehr überrascht war ich, als ich die gesamte Strecke bis Larissa an unzähligen großen Baumwollfelder vorbei fuhr. Es war auch gerade Erntezeit und ein Traktor nach dem anderen, beladen mit Bergen von Wattebäuschchen passierten meinen Weg. Ab und zu kam ich an einer genossenschaftlichen Sammelstelle vorbei, wo es von weitem so aussah, als würden unendlich viele Schneebälle gesammelt und übereinandergelagert. Die Straße nach Larissa war schnurzgerade. Unterbrochen wurde die Monotonie nur dadurch, dass ich mal wieder den Sattel, der auf wunderbare Weise von Mal zu Mal tiefer sackte, nachstellen musste und mir dabei wieder mal die Sattelschraube riss. Zum Glück konnte in einer meinen vielen Täschchen noch eine Ersatzschraube finden.

Es schickte sich wieder an, Abend zu werden, als ich das Ortsschild von Larissa passierte. Da ich wusste, dass es in Larissa keinen Campingplatz gibt, war klar, dass ich zur Selbsthilfe greifen musste. Erst steuerte ich einen Supermarkt an, dann einen verlassener Weg, der mich an einen Fluss bringen sollte. Hinter einem Wäldchen, an einem Feldweg entschied ich mich die Häringe in den Boden zu treiben.

Gerade war mein "Betriebsstoff" in Form von Spaghettis am Köcheln, als eine riesige Ziegenherde samt Ziegenhirtin des Wegs vorbei kam und ich meinen Kochtopf samt Kocher entschieden verteidigen musste. Mit Einbruch der Dunkelheit kamen die Geräusche der Nacht: Frösche quakten, Vögel schrien, Hunde bellten und im Gestrüpp raschelte es. Ich will es nicht so spannend machen: Ich habe die Nacht überlebt, obwohl mir, als ich mitten in der Nacht aufwachte, irgendwie schon ganz schön mulmig zu Mute war.

 

03.10.01, Platamon, Griechenland, 1459 km

Der Morgen bescherte mir einen Plattfuß am Vorderrad. Ich musste am Vortag, als ich meinen Schlafplatz aufsuchte, in eine Dorne gefahren sein, denn eine solche entfernte ich aus dem Reifen. Zum Glück war Wasser in greifbarer Nähe, so dass der Schlauch bald geflickt war.

In Larissa war erst Mal Frühstück angesagt. Nach einem Abstecher bei einem Fahrradhändler, wo ich endlich zu einer anständigen Luftpumpe kam, entdeckte ich ein Internetcafé. Es hat viel Zeit und Nerven in Anspruch genommen, aber dann hat es geklappt, dass ich wieder mal ein paar Bilder auf die Reise durch den Cyber schicken konnte. Um 14 Uhr ging die Reise dann weiter. Doch was tun, nach Thessaloniki führt nur eine Autobahn. Munter strampelte ich drauf los, bis es kein Entkommen mehr gab. Ich war mitten auf einer Autobahn gelandet! Mit meinem deutschen Pflichtbewusstsein hörte ich bereits in Gedanken Verkehrsdursagen auf griechisch mit dem Inhalt: "Achtung, auf der A1 von Larissa nach Thessaloniki befindet sich ein Radfahrer auf der Fahrbahn..."

Doch die scheint es wohl nicht gegeben haben. Polizeiautos fuhren an mir vorüber und ließen mich komplett unbehelligt. Einmal hörte ich hinter mir eine Polizeisirene á lã LA, so dass ich schon mit dem Schlimmsten rechnete. Doch auch dieser Kelch fuhr an mir vorüber.

Besonders kritisch wurde es, wenn die Autobahn in Folge einer Baustelle in einen Engpass müdete. Dann hatte ich nicht mehr die Möglichkeit, mich auf den Seitenstreifen zurückzuziehen, sondern war wirklich "on the highway".

Es wurde gottseidank keine Highway to Heaven.

Dann nach längerem Gegurke auf der Autobahn war von Weitem wieder mal das Meer zu sehen. Die Ägäis! Als ich der Sache näher kam und etliche Schilder auf Campingplätze mit  Namen "Golden Beach", "Poseidon Beach" und ähnliches verwiesen, liess ich es mir nicht nehmen, in selbige Richtung abzubiegen. Gerade noch rechtzeitig, um, nachdem ich mein Zelt unter Dach und Fach bekommen habe, noch vor Anbruch der Dunkelheit in die Fluten der Ägäis einzutauchen. Und... es war Genuss pur! Das Wasser glasklar mit angenehmer Temperatur. Jetzt kann ich sie verstehen, die Göppinger Motorradfahrer, die das Meer bei Igoumenitsa schmählich mieden.

Lange noch saß ich am Strand und ließ meine bisherige Reise Revue passieren. Je länger ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und je weiter ich komme, desto mehr Laune macht das Ganze. Ich freue mich schon sehr auf das, was noch kommt!

 

04.10.01, Thessaloniki, 1564 km

Der Morgen in Platamon begann mit etlichen "Verzögerungen". Als ich zum Morgenbad im Meer aufbrechen wollte, musste ich voller Entsetzen feststellen, dass meine Teva-Sandalen über Nacht abhanden gekommen waren. Mit detektivischem Spürsinn war mir ziemlich schnell klar, wer die Übeltäter waren. Am Abend tags zuvor hatte ich nämlich vierbeinige Besucher, die es genossen, sich von mir das Fell kraulen zu lassen. Eine Sandale fand ich recht schnell auf dem Strand, ungefähr 50 m vom Zelt entfernt. Bei der zweiten Sandale war es nicht ganz so einfach. Aber durch jahrelange Erfahrungen Ostereiersuchen hoch qualifiziert, fand ich auch diese Sandale, zum Glück ebenso intakt wie die andere. Nun stand meinem Morgenbad nichts mehr im Wege! Das Wasser war frisch, weshalb der Begriff "Morgenfrische" höchst treffend war. Dann die übliche leidige Prozedur des Zeltabbauens und Packens. Obwohl ich das in der Zwischenzeit schon so oft gemacht habe, kann ich mich immer noch nicht als "Routinier" bezeichnen. Einen Häring musste ich gleich mal als "Opfer" im Boden stecken lassen, so sehr  hatte er sich fest gekrallt.

Geben 12 Uhr war ich dann startklar. Wieder konnte ich mit "Kraftwerk" das Lied  "Wir fah'n fah'n fah'n auf der Autobahn....." anstimmen. Und diesmal ging es wirklich heftig zur Sache. Ganze 105 Kilometer bis Thessaloniki bin ich auf dem Standstreifen, weniger als ein Sportwagen, aber vielmehr als eine Art Schwertransporter entlang gerollt. Meine deutschen Vorbehalte bezüglich des Radfahrens auf Autobahnen habe ich nun komplett über Bord geworfen, so dass ich die Fahrt stellenweise richtig genießen konnte. Zum Glück war der Standstreifen die meiste Zeit breit genug, so dass stets ein gewisser Sicherheitsabstand zu den vorbeirasenden Fahrzeugen gewahrt war. Es begann wieder mal dunkel zu werden, als ich durch ewig langgezogene Vororte ins Zentrum von Thessaloniki vorstieß. Ich steuerte das nächste Reisebüro an und bekam auf meine Zimmeranfrage nicht nur ein Hotel genannt, sondern sogar ein Zimmer vermittelt. Ich musste mich nur noch durch den chaotischen Verkehr der Großstadt durchkämpfen. Als das Hotel dann gefunden war und ich das Zimmer belegt hatte, zappte ich mich erst einmal beim zimmereigenen Fernseher durch sämtliche Kanäle. Zu mehr war ich vorläufig nicht in der Lage. Da mein Griechisch mehr als bescheiden ist, verlor ich aber bald Interesse an den über 20 Fernsehkanälen und machte mich bereit, wenigsten noch einen Hauch großstädtischen Nachtlebens mit zu bekommen. Jedoch auch das erschöpfte sich schnell. Nach dem Besuch einer Pizzeria (wie gut tat diese Abwechslung!) und eines Internet-Cafés, war ich reif für die "Heia".

 

05.10.01, Apolonia, 1628 km

Wie sich der Mensch doch bloß täuschen kann...! Auf der Landkarte sah alles so "easy" und nah aus, so dass ich fest davon ausging, abends im Meer herumplätschern zu können. Und nun sitze ich mitten in einem Olivenhain, ca. 100 m von der Straße nach Kavala entfernt.

Natürlich hatte ich mir am Morgen alle Zeit der Welt gelassen. Das teure Zimmer wollte ich auch bis zum Anschlag, also bis zur "Checkout-Time" um 12 Uhr auskosten. Es gab ein reichhaltiges Frühstückbuffet, ein sehr ausgedehntes Duschen und ein gnadenloses Gefaulenze.

Dann durfte ich mich entscheiden, ob ich über die Autobahn um den Berg herum, oder über ein kleineres Sträßchen über den Berg darüber fahren möchte. Nun, ich entschied mich für die Berg- und Talfahrt, was aber angesichts der großen Hitze (mein Thermometer zeigte um die Mittagszeit 39 º C an) vielleicht nicht unbedingt die beste Entscheidung war. Immerhin ging es auf über 500 Meter, die sich sicherlich mit 5000 Schweißtropfen aufrechnen ließen. Als ich dann auf die Straße nach Kavala kam, war bereits viel Zeit vergangen, das Meer aber immer noch weit entfernt. Zu allem Überfluss war dann auch noch starker Gegenwind angesagt, so dass mir bald klar war, dass ich mein abendliches Meergeplantsche in den (Gegen)wind schießen musste. Zum Glück hatte ich genügend Wasser und eine Dose Bier an Bord, so dass ich, als die Sonne bereits begann, sich rot zu färben, in einem Olivenhain Nachtquartier bezog.

06.10.01, Kavala, 1737 km

Ungefrühstückt verließ ich den Olivenhain bereits um 8.30 Uhr. Nach Kavala waren es immerhin noch über 100 km und ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, dort am Abend anzukommen. Nach gut einer Stunde Fahrt fuhr ich eine Tankstelle an, um mir wenigstens etwas Koffein in Form von einer Cola einzuverleiben. Mein Schwung erfuhr aber einen leichten Dämpfer, denn, ich wage es kaum zu schreiben, Plattfuss war wieder angesagt! Eine eingehendere Untersuchung der Reifen brachte etliche Dornen zu Tage, die ich mit meiner Zange zu ernten versuchte. ("Essential Harvest").  Ansonsten war ich bei der "Tanke" gut aufgehoben, da der Kübel mit Scheibenreinigungswasser bestens für die Lokalisation des Lochs im Schlauch geeignet war.

Ich will jetzt aber nicht in langwierige und langweilige Beschreibungen des Fahrtenverlaufs verfallen. Nur soviel sei gesagt: Die meiste Zeit über führte die Strecke am Meer entlang, so dass ich es mir nicht nehmen ließ, irgendwann einmal ins kühle Nass einzutauchen, was natürlich wiederum gewisse Zeiteinbußen zur Folge hatte.

Und dann kam der Hit! Die letzten 25 Kilometer vor Kavala führten wieder mal über eine Autobahn. Doch die war wegen Markierungsarbeiten komplett gesperrt, so dass ich sie in voller Länge und Breite für mich alleine zur Verfügung hatte. Da konnte ich mich doch schon mal im Linksverkehr üben, zwischen den Spurmarkierungen Slalom fahren und eine nie zuvor gekannte Ruhe beim Autobahnfahren erleben. Meine Beine jedoch wurden zunehmend müder, und als es dann auch noch einen Hügel nach dem anderen zu überwinden galt, glaubte ich fast nicht mehr daran, Kavala "by night" zu erleben. Aber - alte Radlerweisheit: Wo's hinauf geht, geht's auch wieder runter. Dass ich nun wegen der bereits einsetzenden Dunkelheit das Licht am Fahrrad anmachen musste, störte mich bei der Bergabfahrt überhaupt nicht.

Und dann war ich "in town". Da es laut Auskunft eines Taxifahrers keinen Campingplatz in Kavala gibt, ließ ich mir den Weg zu einem billigen Hotel zeigen. Und so kam ich zu einem Hotelzimmer bei einer etws schrulligen, älteren Frau. Beide, Hotel und Frau, hatten ihre besten Tage längst hinter sich. Das Hotel jedoch hatte durchaus Atmosphäre. Und obwohl ich eigentlich hundemüde war, stürzte ich mich noch einmal ins kavallische Wochenendsgewühle, um nach dem Besuch einer Pizzeria in einem sehr lärmigen Internetcafé den Abend ausklingen zu lassen.

 

07.10.01, Plefkari (Thassos), 1765 km

Mit Pauken und Trompeten wurde ich an diesem Sonntagmorgen schon um 8 Uhr früh geweckt. Ich stand richtiggehend senkreckt im Bett, als direkt vor meinem Fenster eine Militärkapelle, eskortiert von einer Hundertschaft Soldaten mit umgeschultertem Gewehr, vorbeimarschierte. Die Passanten gingen davon völlig unbeeindruckt ihres Weges, so dass ich annehme, dass es sich hierbei um eine Form sonntäglichen Weckdienstes in Ermangelung von Kirchenglocken handelte. Dabei wäre dieser Pomp gar nicht nötig gewesen!  An der Baustelle gegenüber versuchte man mit Pressluftgehämmere in dieser Hinsicht bereits das Beste zu geben. Auch die Müllabfuhr trug mit ihren scheppernden Mülleimern wesentlich dazu bei, dass an Schlaf nun nicht mehr zu denken war.

So hatte ich noch genügend Zeit das sonntägliche Kavala mit dem unbepackten (!) Fahrrad zu erkunden.

Um 12 Uhr war ich dann reif für die Insel. Reif für Thassos! Nach einer ca. einstündigen Fahrt über See hatte ich das Gefühl im Paradiso angekommen zu sein. Kein Gelärme, weder von Baustellen, Lastwägen, Hobbyrennfahrern oder Militärkapellen. Eine unbeschreibliche Ruhe und Beschaulichkeit lag über der Insel. Doch zu meinem Ziel, einem Campingplatz am unteren Ende der Insel, musste ich noch einmal in die Pedale steigen. Besonders bei den Steigungen merkte ich, wie erholungsbedürftig meine Beine geworden sind.

Und dann war ich da! Erst ging ich davon aus, dass der Campingplatz bereits geschlossen sei, so dass ich mein Zelt außerhalb der Einzäunung direkt am Strand in einer schönen Bucht aufstellte. Wie es sich jedoch später herausstellen sollte, war der Platz jedoch durchaus noch in Betrieb, auch wenn mit mir zusammen nur 3 Leute den Campingplatz "bevölkerten". Zum Glück konnte ich das bereits aufgebaute Zelt stehen lassen, da der Flecken Erde, den ich mir ausgesucht hatte, Teil des Campingplatzes ist.

Selbstredend, dass nun ein Bad im Meer mit anschließendem Bad in der Sonne angesagt war. Dabei machte ich Bekanntschaft mit einer Gruppe älterer Leute, die, aus der Nürnberger Gegend kommend, eine Art Bibelfreizeit auf Thassos verbringen. Ihre Einladung zum Bibelabend ins Hotel musste ich aber aus zeitlichen Gründen leider ablehnen.

 

08.10.01, Plefkari (Thassos), Ruhetag

Ich machte es mir gemütlich auf meinem Platz an der Sonne. Tisch und Stuhl waren auf dem Campingplatzanwesen schnell gefunden. Nun war nur noch schnödes Faulenzen an der Tagesordnung. Mit großem Erfolg hatte ich es geschafft, mich nicht weiter als 100 Schritte von meinem Zelt weg zu bewegen. Und da ich im wahrsten Sinne des Wortes nichts tat, gibt es auch nichts weiteres zu berichten.

12.10.01, Xanthi, 1856 km

On the road again! In Thassos, am Meer, konnte ich mal wieder so richtig abhängen. Das war wichtig, da ich spürte, dass ich meiner Reise eine neue Richtung geben muss. Das Radio und die Printmedien (namentlich SPIEGEL und FAZ) brachten eine Horrormeldung nach der anderen. Pakistan und auch die Länder drumrum sind zur Tabuzone geworden. Je mehr ich mir die Meldungen "reinzog", desto mehr kam ich zu der Gewissheit, dass ich dort nichts verloren habe. Ich habe keine Lust auf Fanatismus, keine Lust auf Krieg und keine Lust in der Tagesschau oder in den Tagesthemen Erwähnung zu finden, aber genauso wenig habe ich Lust, nach Hause zu fahren. Und Indien? Dort war ich nun schon so oft und schon so lange, als dass ich den inneren Drang verspüren wuerde, dort ein weiteres Jahr zu verbringen. Das Unternehmen "Mit dem Fahrrad nach Indien" ist also geplatzt! Auf zu neuen Ufern! Die Homepage wird einen neuen Titel erhalten müssen: "Mit dem Fahrrad auf Umwegen nach Australien". Denn dort zieht es mich nun hin.  Ich werde nach Istanbul fahren, vielleicht sogar noch einige Zeit in Istanbul verbringen und dann versuchen einen Flug nach Australien zu bekommen. Nach Tasmanien wollte ich sowieso schon immer mal und schließlich gilt: "Der Weg ist das Ziel!" Ich bedauere die Entwicklung sehr, ordne sie aber unter die Rubrik "höhere Gewalt" ein. Und je mehr ich mich auf Australien einzustimmen versuche, desto mehr kommt auch sowas wie Vorfreude auf.

13.10.01, Fanari, 1895 km

Das Leben ist manchmal hart.... so wie meine luftgefüllte Isomatte, die ich heute beim Abendmahl mit dem -Spitze voran - fallenden Messer massakrierte! Spitze!

Dass ich in Fanari gelandet bin, ist eher dem unsäglichen Gegenwind zuzuschreiben. Mit 8 km/h gegen den Wind anzukämpfen machte mir einfach keine Freude und so kam mir der am Meer gelegene Ort Fanari mit Campingplatz gerade recht. Auch wenn ich einen Umweg von 6 km - in Windrichtung, wohl gemerkt- in Kauf nehmen musste. Aber, welch' Überraschung! Fanari entpuppte sich als reinstes Vogelparadies. Unzählige Flamingos stelzierten im flachen Binnengewässer, das nur von einer hauchdünnen, etwa 200 m breiten Landbrücke vom Meer getrennt ist. Auch Pelikane bekam ich zu Gesicht!

Und auf eben dieser Landbrücke befindet sich auch der Campingplatz. Das Tor war offen, zu sehen war aber niemand, weder Platzwart, noch Campinggast  So fand ich unbehelligt ein munteres Plätzchen direkt am Meer. Ich hatte noch gut 3 Stunden bis zum Sonnenuntergang und nutzte die Zeit mit einem ausgedehnten Meer- und Sonnenbad.

Die Küche blieb heute kalt. Der Supermarkt im Ort hatte Brot, Fischkonserven und Retsina. Je später der Abend wurde, desto tosender wurde auch das Meer. Eine herrliche Einschlafmusik! Wenn nur der Boden nicht so hart gewesen wäre....!

Noch ein kleiner Nachtrag zu meiner Entscheidung nach Australien zu fliegen: Das unterschwellige Gefühl des Gehetztseins ist komplett verschwunden, so dass ich eine grenzenlose Freiheit in mir verspüre. Ich fühlte mich unter Zeitdruck, da ich noch vor dem Wintereinbruch die Osttürkei und den Iran erreichen wollte. Auch die Tatsache, dass ich nur 30 Tage zur Durchquerung des Irans zur Verfügung gehabt hätte, bereitete mir gewisses Kopfzerbrechen. Nun habe ich das herrliche Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben!

14.10.01, Mesti, 1961 km

Das Loch in der Isomatte bekam ich dank des verstopften Abflusses der Dusche ziemlich schnell in Griff. Nachdem das Loch eruiert war, musste ich nur noch einen Flicken aus dem Reparaturset draufpappen. Dieses Problem war also gelöst. Der Wind aber hatte sich leider Gottes noch nicht verzogen. Ganz im Gegenteil, er wurde stärker und blähte sich quasi zu einem Sturm auf, so dass ich nun nicht mehr mit Gegenwind, sondern mit Gegensturm zu kämpfen hatte. Die 28 km bis Komotini wurden so zur reinsten Qual. Stellenweise war meine Geschwindigkeit im niedrigsten Gang auf 5 km/h abgesunken. Sehr unangenehm war aber auch das Tosen und Pfeifen um Ohren und Nierengegend. Mir kam das ganze Unternehmen vor, wie ein Kampf gegen die Flügeln von Windmühlen. Dabei musste ich auch noch gänzlich ohne Sancho Pansa auskommen.

In Komotini erlebte ich dann wieder das Phänomen, dass zwar ein Campingplatz auf der Karte eingezeichnet ist, weit und breit aber noch nie jemand das Wort "Camping" (auf griechisch: Kamping) gehört zu haben scheint. Also war erst einmal eine Stärkung angesagt. Ganz der Faustregel folgend, dass da, wo die meisten Einheimischen sitzen, das Essen am besten schmeckt, quetschte ich mich in einer Taverne auf einen der freien Plätze. Das Essen war wirklich gut, auch das Bier, doch hatte ich dabei ganz die Faustregel, die besagt, dass da, wo die meisten Leute sind, man auch am längsten warten muss, vollständig außer Acht gelassen. Nun stand ich vor der Wah,l in irgendeine Absteige zu gehen oder dem Wind bzw. dem Sturm zum Trotz weiter meine Wege zu ziehen.

Da mich das sonntägliche Komotini nicht unbedingt vom Sattel riss, wagte ich trotz des heftigen Windes den Aufbruch. Die Straße musste eine andere Richtung genommen haben, vielleicht hatte sich ja auch der Wind gedreht, denn plötzlich fiel mir der Wind seitlich in den Rücken, so dass ich im Sauseschritt voran kam. Es war immerhin schon 16 Uhr und bis Alexandroupolis sollten es noch ca. 60 Kilometer sein. Voller Eifer stieg ich in die Pedale, ganz beseelt von der Hoffnung, vielleicht doch noch bis Alexandroupolis zu kommen. Auf halber Strecke, also nach ungefähr 30 Kilometer, erfuhr ich dann einen Dämpfer. Starker Gegenwind hatte sich wieder eingestellt und meine Hoffnung auf den Campingplatz in Alexandroupolis zunichte gemacht. Da die Sonne schon wieder recht tief stand, begann ich mit der Suche nach einem Nachtlager und wurde inmitten eines Stoppelfeldes, unweit der Straße fündig. Nicht allzu weit von mir entfernt waren die Bauern gerade dabei, ihre Stoppelfelder abzufackeln. Die Brandrodung scheint sich in Griechenland immer noch größter Beliebtheit zu erfreuen. Es sieht zwar ganz schön aus bei Nacht, knistert auch ganz manierlich, doch finden dabei Tausende Tiere einen qualvollen Tod. Andere Tiere werden dabei ihrer natürlichen Nahrung beraubt.

Ich hoffte also inbrünstig, dass das Feld, in welchem mein Zelt stand, nicht zur Brandrodung in dieser Nacht vorgesehen war.

Man merkt es übrigens nicht nur an den Richtungstafeln, dass die Türkei nicht mehr all zu weit entfernt ist. Seit Komotini konnte ich nicht nur einige Minarette sehen, sondern auch manchmal einen Muezzin zum Gebet rufen hören.

15.10.01, Alexandroupolis, 1988 km

Weit bin ich heute nicht gekommen! Kurz vor Alexandroupolis setzten wieder heftige Gegenwinde ein. Eigentlich hatte ich vor, heute noch in der Türkei anzukommen, dann war aber die geöffnete Pforte des Campingplatzes, an dem ich vorbei kam, doch zu verlockend. So machte ich bereits um 13 Uhr "Feierabend", kaufte mir den neuen SPIEGEL, verleibte mir eine Pizza ein und ließ ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein.

16.10.01, Kesan, Türkei, 2069 km

Heute wurde ich auf einen Scblag Millionär! Für 100 DM, die ich bei der Grenze umtauschte, bekam ich ganze 72 783 300 Türkische Lira. Nun habe ich ein dickes Bündel mit Geldscheinen und mir schwirrt der Kopf von den vielen Nullen, die mir da entgegenspringen.  ("Wir rechnen im Zahlenraum bis 1 Milliarde")

Kaum hatte ich die Grenze passiert, was ohne Probleme vonstatten ging, kam mir auch gleich ein einzelner Radfahrer mit vollgepacktem Fahrrad entgegen. Klar, dass wir anhielten, um ein Pläuschchen zu halten. Als sich herausstellte, dass wir uns auf demselben Weg, nur eben in entgegegesetzter Richtung befanden, war dies Grund genug, in einem Restaurant einzukehren, um den Plausch zu intensivieren. Steve aus Austalien (Sidney) hatte sich Fahrrad nebst Packtaschen in Istanbul gekauft und will damit nach Zürich fahren, von wo aus er Ende November nach Australien zurück fliegen wird. Meine Pläne, nach Australien fliegen zu wollen begrüßte er sehr und er stellte in Aussicht, dass es mir dort sicherlich sehr gut gefallen würde. Auch das Fahrradfahren sei dort "no problem". Na dann.... nichts wie hin!

Die Türkei präsentierte sich mir von einer sehr angenehmen Seite. DIe Menschen wirkten auf mich, im Vergleich zu Griechenand, sehr freundlich, ja geradezu warm. Wieder einmal nahm ich es voller Erstaunen zur Kenntnis, was so ein einfacher Grenzübertritt für Veränderungen mit sich bringen kann. Plötzlich waren Pferdefuhrwerke zu sehen, Menschen winkten mir schon von weitem zu und als ich dann nach vielen vielen Hügeln die Stadt Kesan erreichte, liefen interessierte und sehr freundliche Kinder neben mir her, als ich  dem  Zentrum, das ganz oben auf einem Berg lag, entgegenstrampelte. 

Ein Hotel war schnell gefunden. Das wichtigste Möbelstück in einem türkischen Hotel scheint der Fernseher zu sein. Der wurde nämlich vom Hotelbediensteten gleich mal zuerst eingeschaltet, als ich dabei war mit meinem "Kruscht" ein Zimmer zu beziehen. Ich hätte mich ja sonst möglicherweise einsam fühlen können, so ganz alleine. Pech war nur wieder mal, dass die Programme entweder auf türkisch oder auf griechisch ausgestrahlt wurden. Dennoch war es sehr aufschlussreich für mich zu sehen, dass in der Türkei, genauso wie in Griechenland, die Sendung "Wer wird Millionär" in derselben Machart, wie in Deutschland ausgestrahlt wird. Bis auf den Moderator und die jeweils unterschiedliche Sprache, schien alles absolut identisch zu sein. (In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass in Griechenland inzwischen auch das "Big Brother"-Fieber kursiert, auch hier wieder in genau derselben Aufmachung, wie ich es von Deutschland her kannte.) Jetzt aber genug von der Glotzologie!

Als mich dann der Hunger wieder auf die Straße trieb und ich mit bereits grimmig knurrendem Magen nach einem Restaurant Ausschau haltend durch Kesan irrte, musste ich voller Verwunderung feststellen: Es gab keine Restaurants! Außer Dönerbuden, Schnellimbisse und sonstige Fressstände gab es schlicht weg nichts, wo ich meinen Hunger hätte besänftigen können. So endete ich dann schließlich in einer Hähnchenbraterei. Und so verzehrte ich, auf einem Plastikhocker an einem Pastiktischchen bei Plastikteller und Plastikbecher sitzend einen halben "Gummiadler", wobei ich mir als Nachtisch, um den Vulkanisierungsvorgang zu beschleunigen, noch eine klebrige sirupgetränkte Süßspeise in mich hinein träufelte.

Um es mir nun auch wirklich klar zu machen, dass ich mich jetzt in der Türkei befinde, wurde von der Moschee aus lautstark zum Gebet gerufen. Ich aber begab mich in meinen "Fernsehraum", wo ich mich eines kuscheligen Bettes erfreute.

17.10.01, Istanbul, 2124 km

Ich bin nun tatsächlich in Istanbul! Das kam wirklich schneller, als ich dachte. Seit Tagen nun hatte ich mit schweren Gegenwinden zu kämpfen. Als ich voll des Tatendrangs vom Hotel in Kesan losfuhr, sollte das Himmelsgebläse immer noch voll in Betrieb sein. Doch, der Wind schien nicht nur stärker, sonderen auch kälter als sonst zu blasen. Besonders schwierig zu handhaben war die Kombination Berg - Gegenwind. Dann ging fast gar nichts mehr und ich musste meine ganze Konzentration und Kraft dazu aufbringen, das Fahrrad bei all den Windböen in Balance zu halten. Diese Böen wurden unter anderem aber auch von den vorbeifahrenden und entgegenkommenden Lastwägen und Busse erzeugt. Diese ganze Strampelei gegen den Wind zehrte nicht nur an meinen Kräften, auch das Gemüt wurde dabei schwer angenagt. Als ich dann auch noch Schmerzen in den Ohren verspürte und mein Fahrradcomputer mir mitteilte, dass ich in ca. 4 Stunden nur knapp 40 Kilometer weit gekommen war, wusste ich, dass ich an der Situation etwas verändern musste. Eine Überlegung ging in die Richtung, mich im nächsten Ort nach einem Bus zum 50 Kilometer entfernten Teherdag, dem eigentlich angepeiltem Tagesziel, zu erkunden. Eine andere Überlegung war, an einer Tankstelle nach Fahrzeugen Ausschau zu halten, die in der Lage gewesen wären, mich in Richtung Teherdag mitzunehmen.

Gerade als ich an solch einer Tankstelle stand, voll des Bedauerns darüber, dass dort nicht ein einziges Fahrzeug zu sehen war, kam just in dem Moment ein Bus mit der Aufschrift "Teherdag - Istanbul" direkt neben mir zum Halten. Ein Zeichen! Ein Geschenk des Himmels! Noch bevor ich überhaupt einen klaren Gedanken fassen konnte, formten meine windgetrockneten Lippen bereits, zum Busbegleiter hingewandt, das Wort "Istanbul". Es dauerte nicht mal eine Minute, da waren Fahrrad mit all den Gepäcktaschen im Kofferraum des Busses verschwunden. Als ich mich dann plötzlich auf einem weichen Sitz im Innern des Busses wiederfand, konnte ich das Ganze noch gar nicht so recht fassen.

Da saß ich nun im windgeschützten Bus mit einer Portion schlechtem Gewissen, weil ich Istanbul nun doch nicht per Fahrrad erreichen sollte. Aber als ich meinen Blick während der Fahrt immer wieder nach draußen wandte und die durch den Wind gekrümmten Baumwipfel sah, wusste ich, dass es eine gute Entscheidung war. 5 Tage Gegenwind waren einfach zuviel des Guten! Schließlich sollte bei der Radfahrerei auch noch ein gewisser Spaßfaktor vorhanden sein.

Doch je länger der Bus so vor sich hintuckerte, desto größer wurde meine Sehnsucht, wieder Fahrrad fahren zu wollen. Die Landschaft sauste ungenießbar einfach so an mir vorbei. Ich hatte regelrecht das Gefühl mich in einem Käfig zu befinden. Auch das von Busbegleiter reichlich versprühte "Eau de Cologne" konnte nicht darüber hinwegtäuschen,

Die Straßen wurden breiter, der Verkehr dichter. Istanbul war in Griffnähe.

Doch der Bus fuhr nicht etwa bis in den Kern von Istanbul. Nein! Ca. 15 Kilometer davon entfernt strandete ich an einem riesigen unüberschaubaren Busbahnhof. In der Zwischenzeit war es dunkel geworden, ich hatte keinen Stadtplan und der Verkehr war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Als ich nach Sultanahmet, dem Touristenstützpunkt in Istanbul, fragte, wurde mir nur vage eine Richtung angedeutet. Im nächsten Moment befand ich mich auch schon auf einer Stadtautobahn, 4-spurig. Stressig waren besonders die Einmündungen, die es zu überqueren galt, da der Verkehrsfluss nicht abzureißen schien und es immerhin schon Nacht geworden war. Dann befand ich mich plötzlich inmitten eines Tunnels an einer dreifachen Weggabelung. Es war weit und breit niemand zu sehen, den ich nach dem rechten Weg hätte befragen können. Die Autos dröhnten im Tunnelhall mordsmäßg stinkend an mir vorbei. Die Wegweiser waren nicht nur auf türkisch, sondern für mich dazu auch noch chinesisch. Mir kam das alles recht spanisch vor, so dass ich mit meimem Latein am Ende war. Eine ganze Weile stand ich deshalb ziemlich ratlos in der Gegend herum. Dann folgte ich meiner inneren Stimme, nahm die linke Spur und kam gottseidank aus dem Autobahngewirr heraus. Nun erblickte ich wieder Menschen aus Fleisch und Blut auf richtigen Gehwegen. Ein sehr netter Türke, den ich nach "Sultanahmet" befragte, zeigte in die entsprechende Richtung, sagte es sei aber noch sehr weit und gab mir mit einem "good luck" einen festen Händedruck mit auf den Weg. Die Odysee durch Istanbul setzte sich fort. Die Straßen waren teilweise so verstopft, dass ich auf die Gehwege ausweichen musste. Dort ging es mir aber stellenweise nicht viel besser. Riesige Menschenmassen machten ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Dadurch, dass die  Bordsteine teilweise recht hoch waren, hatte ich alle Mühe, mein schwer beladenes Fahrrad über die Kante zu bekommen. Irgendwann vernahm ich ein geräuschvolles, streifendes Geräusch am Hinterrad. Doch darum wollte ich mich später kümmern. Jetzt galt es eine Bleibe zu finden, wenn möglich in Sultanahmet, dort, wo sich die Travellers treffen und die Zimmer am günstigsten sind.

Und dann, ich konnte es kaum fassen, war ich tatsächlich da! In einem "Guesthouse" fand ich ein schönes großes Zimmer mit Dusche zu einem annehmbaren Preis. Auch mein Fahrrad fand eine sichere Bleibe in der hauseigenen "Laundry" nebenan.

 

18.10.01, Istanbul

Die Urache für das reibende Geräusch am Hinterrad war mal wieder ein Speichenbruch. Zahnkranzseite, was bedeutete, dass ich mal wieder den Zahnkranz am Hinterrad abziehen musste, um die neue Speiche einsetzen zu können. Das alles bewerkstelligte ich auf offener Straße unter genauester Beobachtung von einem halben Dutzend Passanten. Als ich nach vielleicht einer halben Stunde die Operation erfolgreich beendete, fehlte eigentlich nur noch der Applaus. Nun stand einer Exkursion mit dem Fahrrad in das Gewühle und Gewimmel von Istanbul nichts mehr im Wege.

Gleich vom ersten Moment an hat es mir die Stadt sehr angetan. Die Leute machen einen freundlich-offenen und entspannten Eindruck auf mich. Oft erhaschte ich beim Vorbeifahren ein Lächeln, von Männern genauso, wie von Frauen. Faszinierend für mich ist die Vielfalt, die sich hier in Istanbul auftut. Neben riesigen Moscheen, alten Gebäuden und Mauerresten aus der Zeit, als hier noch Kaiser Kontantin sein Zepter schwang, bestimmen auch moderne Glasbauten und Wolkenkratzer das Stadtbild. Frauen im topchicken, einem internationalen Modedikatat angepasstem Outfit sind genauso zu sehen, wie Frauen, deren Körper und Gesicht tief mit schwarzem Tuch verhangen sind. Supermoderne Einkaufszentren, wahre Konsumtempel, die keine Wünsche offen lassen, stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den engen betriebsamen Gassen, in denen sich Läden mit Gewürzen, Süßigkeiten, Messingwaren und bunten Stoffen aneinanderreihen. Besonders beeindruckend ist der "Große Bazar". Obgleich schon mit tausenderlei Dingen der Kategorie Touristenramsch bestückt, zeugen seine riesigen Hallen mit Stuck an Decken und Wände von einer großen Epoche einer längst vergangenden Zeit. Geschäfte ganzer Straßenzüge bieten im Einklang und unter starkem Konkurrenzdruck einunddieselbe Ware feil. So gibt es zum Beispiel Straßen, in denen es nur Handys, andere in denen es nur Keilriemen und wieder andere, in denen es nur Schreibwaren zu kaufen gibt. Handys scheinen hier überhaupt der große Renner zu sein. Überall tutet und fiept es. Jeder scheint mit jedem nur noch mobil zu telefonieren.

Die Straße, in der ich Quartier bezogen habe, ist voll auf die Bedürfnisse von Rucksackreisenden abgestimmt. Neben den unzählig vielen Touristenunterkünften gibt es auch jede Menge Straßenrestaurants und Cafés in denen man recht preiswert mit Kebabs, Schnitzel und Spaghettis seinem Hunger zu Leibe rücken kann. Abends entwickelt sich die Straße zur Partymeile. Dann stehen die Stimmen der Café- und Barbesucher in starker Konkurrenz zu der recht lauten, dröhnenden Musik diverser Beschallungssysteme. Da sich mein Zimmer auf der Straßenseite befindet, gerät auch mein Schlaf bisweilen in Konkurrenz zu dieser immensen Beschallung. 

 

19.10.01, Istanbul

Wo um Himmels Willen befindet sich Etiler? Diese Frage war für mich von großer Bedeutung, weil sich hier das australische Konsulat niedergelassen hat. Nach etlichen Wegebeschreibungen, die zum Teil stark auseinanderdrifteten, machte ich mich radelnder Weise auf den Weg. Dabei konnte ich es hautnah erleben, dass Istanbul auf mehreren Hügeln - eigentlich sind es eher schon Berge - gebaut ist. Nach gut einer Stunde Fahrt durch die abgasverpesteten Straßen Istanbuls war dann die Flagge der Botschaft in Sicht. Aber Oh Weh! Da ich keinerlei Verwandtschaft in Australien vorweisen kann, wird mir nur ein für drei Monate gültiges Visum erteilt, immerhin mit der Option, dass ich aus Australien ausreisen und dann für weitere drei Monate wieder einreisen kann. Dies aber ist mit zusätzlichen Flugkosten verbunden. Neuseeland kommt mir dabei als Ausweichsmöglichkeit in den Sinn. Da ich das Visum erst eine Woche später bei der Botschaft abholen kann, werde ich wohl noch eine Weile in Istanbul verbringen.

26.10.01, Istanbul

Australien, ich komme! Bereits am 3. November werde ich mit der Malaysia  Airlines nach Brisbane fliegen. Einen Zwischenstop gibt es in Kuala Lumpur, wobei mir von der Fluggesellschaft ein Hotel zur Verfügung gestellt wird.

Ich bin froh, dass die Malaysia Airlines 40 kg Freigepäck erlaubt. Möglicherweise hätte ich sonst mit meinem Fahrrad böse draufzahlen müssen. 54 US$ wurden mir als Preis pro Kilogramm Übergewicht (natürlich nur beim Gepäck!) genannt.

30.10.01, Çanakkale

Da ich nun Flugticket und Visum in der Tasche hatte, schwang ich mich noch mal in meinen Fahrradsattel, um entlang des Marmarameeres über Silivri nach Tekirdag zu fahren. Von dort nahm ich, um die Sache etwas abzukürzen, (am 1. November wollte ich wieder in Istanbul sein) einen Bus nach Çanakkale zu den Dardanellen. Mit den Dardanellen ist die Meeresverbindung zwischen  dem Marmarameer und der Ägäis gemeint. Dort fanden im 1. Weltkrieg erbitterte Kämpfe zwischen dem türkischem Heer und den Allierten statt, wobei Zehntausende von Soldaten in unerbittlichen Gefechten ihr Leben lassen mussten.

Ich war gerade dabei, in Istanbul mein Fahrrad zu bepacken, als ich von 2 Schweden angesprochen wurden. Sie waren mit den Fahrrädern von Schweden aus um das Mittemeer nach Marokko unterwegs.

Es tat gut, wieder auf der Straße zu sein, wobei die Abgase der Lastwagen den Genuss ein wenig trübten. Wieder wurde mir von allen Seiten her zugewunken. Die Menschen suchten ein Gespräch mit mir, wobei sich dieses  oft leider bereits nach einer halben Minute aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten erschöpfte. Einmal sogar bremste ein Kleinlaster neben mir auf freier Strecke ab, da dessen Insassen auf der zweispurigen Straße neben mir herfahrend, einen Small Talk vom Zaum reißen wollten. Das war mir dann doch etwas zuviel des Guten.

In Tekirdag schien die ganze Stadt ganz in Rot getaucht. Es war türkischer Nationalfeiertag, der 73. Jahrestag der Beendung des 1. Weltkrieges. An fast jedem Fenster flatterten die behalbmondeten türkischen Flaggen, um scheinbar im Rhythmus der vielen Militärkapellen, die durch die Straßen mit viel Tschinderassabumm marschierten, mitzuswingen.

Im Gleichklang zum Stampf der Militärmusik  marschierten auch Heerscharen von Schülerinnen und Schülern in herausgeputzten Schuluniformen. An diesem Tag war in allen Museen freier Eintritt, was mir in Çanakkale den Besuch des Militärmuseums bescherte. Kanonen, Maschinengewehre und jede Menge Fundstücke von den Schlachtfeldern waren dort zu sehen. Im Fernsehen waren auf jedem Programm oben rechts im Bild die türkische Nationalflagge und das Konterfei des "Vater" der Nation, Kemal Atatürk, eingeblendet.

Kemal Atatürk ging aus dem ersten Weltkrieg als Held hervor. Die Allierten wollten über die Dardanellen einen Zugang zum Schwarzen Meer, um von dort aus eine neue Front gegen die deutsch-ungarische Armee zu errichten. Also konzentrierte sich das ganze Kriegsgeschehen auf die Halbinsel Gallipolli, von der aus die Durchfahrt durch die Meeresverbindung hätte kontrolliert werden können. Atatürk hat es dann geschafft den Feind abzuwehren, was ihn unter anderem bei den Türken unsterblich gemacht hat. 500 000 Sodaten blieben jedoch dabei auf der Strecke. Darunter waren  auch 25 000 Australier. Heute noch gedenkt man dieser Schlacht am 25. April als Anzak-Day in Australien mit einem Nationalfeiertag. Selbstredend, dass hier sehr viel Australier waren, um sich ein eigenes Bild von der Schlachtstätte ihrer Vorfahren zu machen.

Ohne den Hauch einer Chance zu haben wurden die Allierten bei der Landung von den Steilhängen der Küste herab mit Maschinengewehrsalben niedergemetzelt. Immer noch ist diese Gegend  geprägt von diesen Ereignissen. Endlos lange Schützengräben, die sich im Labyrinth verlieren, unzählige Denkmäler mit imposanten Plastiken, welche Soldaten in heroischer Haltung mit Sturmgewehr darstellen und zahlreiche Friedhöfe mit einem Meer von Grabsteinen zeugen noch heute von dieser Schlacht um die Gallipolli-Halbinsel.

Es war sehr schön, mit dem Fahrrad dort unterwegs zu sein. Viel Natur, kleine Sträßchen und fast keine Autos. Genuss pur! Wenn nicht... ja wenn nicht immer noch quasi ein Leichengeruch über der Landschaft zu hängen schien. Selbst nach 76 Jahren kann man sich dem Wahnsinn, der hier stattgefunden hat, nicht entziehen. Möglicherweise trugen aber das Buch, welches ich gerade lese und das sehr eindrücklich die Grabenkämpfe im 1. Weltkrieg schildert ("Birdsong" von Sebastian Faulks) sowie ein Dokumentarfilm über diese Schlacht, welcher am Vortag im Hotel gezeigt wurde, dazu bei, dass das riesige Schlachtfeld vor meinem inneren Auge wieder zum Leben erweckt wurde.

 

 

[Startseite] [Tagebuch] [Infos] [Gästebuch] [Chat] [Links] [Kontakt] [Photos] [Zeitung]