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November 2001
2.11.01, Istanbul Mit dem Bus ging es wieder flux nach Istanbul. Arbeit wartete auf mich. Um das Reisegepäck den
Flugbestimmungen anzupassen, musste ich ziemlich Federn lassen. 10 kg gingen in Folge per Post auf den Weg nach Deutschland. Vor allen Dingen Kleidungsstücke, die eher für kältere Regionen gedacht waren, gingen deshalb
auf die Reise. Darunter auch der Schlafsack. In Brisbane, wo ich hinfliegen werde, soll es immerhin 36° C haben. Das jedenfalls sagte mir Blair, der aus Brisbane kommt und dort noch vor einer Woche verweilte. Schweiß,
ich hör' dir tröpfeln!Die letzten paar Tage waren die Tage der Begegnungen. Da war Vau, der Holländer, der hinter meinem Rad hergerannt kam und den ich erst für einen Teppichhändler
hielt. Er ist mit seinem Hanomag-Bus in Istanbul auf dem Weg nach Indien gestrandet und weiß nun nicht, ob er die Reise fortsetzen soll oder nicht. Er hat zwar alle benötigten Visen, wartet aber ansonsten noch auf
höhere Eingebung. Er servierte mir holländischen Kaffee und ließ mich in seinem Fotoalbum blättern, welches seine Reise vor 3 Jahren mit dem Hanomag nach Indien dokumentierte. Ich bedauerte es sehr, nicht selbst Zeuge
der Landschaften zu werden, welche auf den Fotos dargestellt waren. Und da war Adam aus Perth in Australien, der in 2 Tagen mit dem Flieger nach Indien abheben wird. Er stimmte solch eine Lobeshymne auf
Australien an, so dass ich mich wunderte, dass er das Land überhaupt je verlassen hat. Cetric aus Montpellier war ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Er kam von Kathmandu, also von der entgegengesetzten
Richtung. Er hatte das Glück, dass er sich am 11. September bereits auf türkischem Boden befand. Da er ein Engagement als Schauspieler erhielt, möchte er nun mit dem Flugzeug die Reise nach Frankreich fortsetzen. Sein
Fahrrad will er er nun hier in Istanbul an den Mann bringen. Und dann traf ich im Bus von Çanakkale nach Istanbul Julie aus Basel. Sie wohnt schon seit 15 Jahren in der Türkei, hat ein Häuschen auf einer
Insel und eine Wohnung in Istanbul. Sie ist schon viel rumgekommen in ihrem Leben, was sie - ich schätze sie mal auf so ca. 60 Jahre- recht jung erhalten hat. Als Tanzpädagogin hat sie vielfältige Kontakte zur
Kulturszene und kennt dabei Hinz und Kunz. Wir hatten uns dann am nächsten Abend verabredet, um in Taksim, der Vergnügungsmeile von Istanbul, auf unsere Kosten zu kommen. Da sie fließend türkisch spricht
und Istanbul wie ihre Rocktasche kennt, war sie eine ideale Abendbegleitung. Erst einmal landeten wir bei Raki, der türkischen Nationalspirituose, in einem Liveschuppen, wo verschiedene Ensembles klassisch-türkische
Musik zum Besten gaben. Mit einem Darbukaspieler hatte ich dank Julies Übersetzungshilfe eine recht anregende Unterhaltung. Irgendwann drückte er mir die Trommel in die Hand. Ich folgte mit ihr dem Rhythmus von
Klarinette, Geige und Tambourin, wobei sich Julie zu einem recht spontanen Bauchtanz hinreißen ließ. Eine hübsche Türkin stimmte hüft- und bauchschwingend mit ein, so dass es die reinste Freude war. Im
nächsten Lokal wurden von einem Trio mit Saz, Trommel und Gesang türkische Gassenhauer aufgespielt. Die Sängerin des Ensembles war Ohren- und Augenschmaus zugleich. Ich fühlte mich sauwohl und werde wohl noch
oft an den Abend, den wir mit einer türkischen Kuttelflecksuppe ausklingen ließen, zurückdenken. Und nun heißt es Abschied nehmen von Istanbul. Morgen schon werde ich weit über dem Horizont zu neuen
Gestaden unterwegs sein. Jetzt schon weiß ich aber, dass ich ganz gewiss bald wieder in Istanbul auf einen Raki oder auf eine Kuttelflecksuppe vorbeischauen werde! Istanbul ist einfach eine tolle Stadt! 3. November, Kuala Lumpur, Malaysia Was für ein Erwachen! Draußen regnete es in Strömen und, überall im Zimmer verstreut, harrten tausenderlei Dinge darauf, in meine Packtaschen verstaut zu werden.
Wie gewohnt gab es im benachbarten Backpackers Café "Türkçe Kavaltì", bestehend aus einem hartgekochten Ei, Schafskäse, Oliven, Marmelade, "Ekmek" (sprich: Brot) und Kaffee. Endlich durfte ich nach
einer recht langen Zeit mal wieder meine Regenklamotten zum Einsatz bringen (welch Freude!). Die Fahrt zum Flughafen kam mir, da die Pfützen auf den Straßen seenartige Ausdehnungen annahmen und die
Autos recht flott durch die Fluten preschten, vielmehr vor, wie eine Fahrt durch eine 20 km lange Waschstraße. Da ich die Tschibo-Gamaschen (der aufmerksame Leser erinnert sich vielleicht!) schon längst dem Kreislauf
der ewigen Wiederverwendung (Recycling) preisgegeben habe ("Ich war eine Tschibo-Gamasche!", sprach die Mülltüte), war ich nun nicht nur wet wet wet, als ich endlich nach fast einstündiger Fahrt am Flughafen
ankam, sondern auch froh froh froh. Am Eingang zum Flughafen wollte man im Eifer des Gefechtes nicht nur meine Packtaschen, sondern gleich das ganze Fahrrad in den Schlund des großen
Durchleuchtungsapparates schicken. Doch es sollte sich herausstellen, dass nicht nur die Öffnung des Röntgengerätes, sondern auch die Pforten der Wahrnehmung zu eng bemessen waren. Immerhin begnügten sich die Herren
Kontrolettis - nach einiger Diskussion - dann doch mit einer Sichtkontrolle des Fahrrads. Als ich wenige Minuten später vor dem Airlines-Counter stand, versuchte ich mein Möglichstes, um das Fahrrad
flugtauglich zu machen. Ich ließ die Luft aus den Reifen, stellte den Lenker quer, versenkte den Sattel... aber all meine Bemühungen sollten nichts fruchten. Das Fahrrad müsse verpackt sein, sonst könne es nicht
transportiert werden, bekam ich vernichtend von einer adretten Luftgesellschaftsuniformierten mit kalten Worten entgegen geschleudert. Doch welch' Glück! Es gab es auf dem Istanbuler Flughafen so eine
Art überdimensionale Folieneinpackmaschine, mit der Koffer und andere Gegenstände, in Zellophan gewickelt, von der keimgetränkten Außenwelt abgeschottet wurden. Wenige Zeit später sah mein Fahrrad aus wie jüngst der
Reichstag, ein Kunstwerk, das bestimmt in jeder Galerie allergrößtes Aufsehen erregt hätte. Als ich dann stolz wie Oskar mit dem Traum in Zellophan wieder am Schalter stand, wollte mich die nette Dame
von der Fluggesellschaft böse zur Kasse bitten. Das erlaubte Gepäckslimit sei bei weitem überschritten! Ach, wie herrlich war es, als ich sie nun ganz dezent darauf aufmerksam machen konnte, dass im Flugticket keine 20
kg, sondern 40 kg Freigepäck vermerkt seien. Nun endlich durfte ich in Frieden, ganz unbeschwert von Fahrrad und Gepäcktaschen, meine Wege ziehen. An Bord des Airbusses der Malaysian Airlines war nun
Schlemmen mit etlichen Gläsern Wein angesagt, so dass die Zeit, bis wir in Kuala Lumpur ankamen, buchstäblich wie im Fluge verging.
4.11.2001, Kuala Lumpur, Malaysia Was, schon da? Als die Maschine zum Landeanflug ansetzte, konnte ich es kaum fassen.Doch erst einmal musste ich, noch ganz trunken von Schlaf und Wein, als Irrläufer durch das riesige Flughafengebäude stapfen. Vor lauter Aufregung um das Fahrrad hatte ich es in Istanbul am
Airlines-Counter versäumt, das sogenannte Hotel-Voucher, eine Hotelbestätigung, abzuholen. Rolltreppauf, rolltreppab von Pontius zu Pilatus musste ich mich durchfragen, bis ich dann endlich das Objekt der Begierde in
meinen Händen hielt, denn schlafen schlafen schlafen war nun all mein Begehr. Im Schuhmachertempo wurde ich dann in einem klimatisierten Kleinbus durch die mit Palmen gesäumte Flughafenallee des
tropisch-stickigen Malaysia zum Empress-Hotel, einer mehrstöckigen Hotelfestung gebracht. Die Zeitverschiebung machte sich bereits bemerkbar, Psyche und Körper waren upside-down, jedoch noch nicht down-under. Nach einem erfrischenden Schläfchen stürmte ich dann das Hotelbüfett, welches eine große Fülle verschiedenster Leckereien zur Auswahl bot.
Abends (mein Körper war der Ansicht, es sei morgens), ging es im Fluge weiter. 5.11.01, Brisbane, Australien Als die Maschine gegen 8 Uhr Ortszeit schließlich in Brisbane landete, fühlte ich mich richtiggehend zermatscht. Zwar gab es
allerlei Ablenkung im Flugzeug - unter anderem sah ich Lara Croft, wie sie lauter böse Männer gleich zu Dutzenden abservierte - doch schien sich der Flug in die Länge zu ziehen, wie zäher Kaugummi. Dann
endlich hatte das Flugzeug Bodenkontakt und ich strömte mit dem Pulk der Passagiere in Richtung Abfertigungshalle. Bevor ich aber Pass und Visum an einer der vielen Kontrollkabinen präsentieren durfte, wurde ich,
zusammen mit bestimmt Hunderten von Fluggästen, durch ein unendlich langes Bänderzickzack geschleust. Nach über einer Stunde war ich dann endlich am dransten. "Woher, Wohin, Warum und überhaupt?", waren
die Fragen, die nun auf mich einstürmten. Scheinbar habe ich all die Fragen nicht zur vollen Zufriedenheit des Beamten beantwortet, denn nun trat eine uniformierte, professionelle Ausquetscherin auf den Plan. Ihren
Blick tief in meinen versenkt, stellte auch sie mir Fragen, die mich zusammenzucken ließen, da mir plötzlich wie bei einem Verhör zumute war. Welchen Beruf ich hätte, wieviel Geld ich mein eigen nennen könne, warum ich
keine Adresse in Australien angegeben habe, warum ich nicht in Besitz eines Rückflugtickets sei... das einzige was ich dabei etwas vermisste war eine grellstrahlende Lampe, die mein Gesicht ausleuchtete. Der Vorteil bei
der ganzen Prozedur war, dass ich nun nicht mehr schlotternd und wartend am Gepäcksförderband 'rumstehen musste, da meine Taschen schon längst in die hundertste Runde gegangen waren. Auch mein Fahrrad konnte ich gleich,
einsam und verlassen, aber wohlverpackt, in einer Ecke des Flughafengebäudes ausmachen. Nun durfte ich das Pferd, bzw. den Drahtesel wieder von hinten aufzäumen: Folie weg, Lenker gerade, Sattel hoch und Luft rein.
Einen Trolley brauchte ich nicht, da die Packtaschen schnell am Fahrrad montiert waren. Doch das hätte ich mir auch sparen können, denn keine 10 m weiter lauerte bereits die nächste Hürde. Ein freundlicher Beamter
schien großes Interesse an meinen Habseligkeiten zu haben, denn nun musste ich Tasche für Tasche alles fein säuberlich auf einer Art stählernem Seziertisch präsentieren. Ausgerüstet mit Gummihandschuhen wurden dann die
Innereien der Taschen einer näheren Betrachtung unterzogen. Schmutzwäsche, Bücher (der Beamte schien ein Literaturfreak zu sein, denn er interessierte sich sogar für deren Titel), elektronisches Equipment,
Sicherheitsnadeln und Waschbeutel, Schuhe und Zahnbürste... alles wurde genauestens unter die Lupe genommen. Auch mein Geldgurt und der Inhalt meiner Hosentaschen mussten der staatsdienstlichen Untersuchung standhalten.
In der Zwischenzeit entwickelte sich schon fast ein kumpelhaftes Verhältnis zwischen mir und Johnny Kontroletti. Immerhin erzählte er mir, dass er früher auch einmal 15 Jahre lang Lehrer gewesen sei,
und dass er den jetzigen Job nun als wesentlich stressfreier empfinde. Welch Wunder!.... aber vielleicht sollte er mal sein Klientel nach deren Stressfaktor befragen! Beim Auspacken des Zeltes wurde er
dann stutzig. Ich musste ihm die Häringe präsentieren und: "Hab' ich's doch gewusst...!!", Spuren fremder Erde waren an den Enden der Zelthaken sichtbar. Soviel fremde Erde kann Australien nicht verkraften,
denn möglicherweise würde es gar im Meer versinken. Doch Spaß beiseite - der hatte bei mir schon längst aufgehört -, man rückte den fremden Mikroorganismen, nicht nur denen an den Zelthaken, sondern auch denen am
Fahrrad (in einem speziellen Quarantäneraum unter Verwendung einer giftig aussehenden Flüssigkeit), hochdosiert zu Leibe. Mein Fahrrad erstrahlte nicht nur nicht im neuen Glanze, es fühlte sich sicherlich auch so
gesund, wie nie zuvor. Nun war es vollbracht und ich durfte der australischen Wirklichkeit entgegentreten. Nachdem ich immerhin zweieinhalb Stunden für die Strecke zwischen Flugzeugluke und
Flughafenausgang benötigte, galt jetzt einer Tasse Kaffee mein ganzes Begehren. Zur Entschädigung erwartete mich draußen vor der Tür strahlender Sonnenschein. Bunte Blumen und Sträucher wogten im Winde
und die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. 6.11.01, Brisbane Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war recht angenehm. Die Straße hatte einen sehr guten Belag, relativ wenige Autos fuhren in moderatem Tempo mit genügend Abstand an mir
vorbei und links und rechts der Straße gab es eine interessante, für mich zum Teil unbekannte Vegetation zu bestaunen. Die ersten Monstertrucks tauchten auf, riesige Kolosse, mit wuchtiger Schnauze, chrompoliert.Nach knapp einstündiger Fahrt war ich bei einem der im Reiseführer aufgeführten Backpacker Hostels, in einer ruhigen Straße gelegen, mit großem Garten und viel Grün rundherum, angelangt. Ein idealer Ort,
meinen Jetlag zu kurieren! Mit Tom, dem vielbelesenen Besitzer des Hostels, sollte ich nun, nahezu wie in einer Wohngemeinschaft, Wohnzimmer, Küche, Balkon und Bad teilen. Mit von der Partie seine 2
Hunde, die die meiste Zeit äußerst friedfertig in irgendeiner Ecke dösend herumstracken. Im Supermarkt frischte ich meinen Lebensmittelbestand auf und fühlte mich nahezu erschlagen von der Vielfalt der
angebotenen Waren. Die Lebensmittel sind etwas billiger als in Deutschland, jedoch von bedeutend besserer Qualität, da es sich fast durch die Regale weg um biologische Erzeugnisse handelt. Beeindruckend
war für mich das Angebot an asiatischen Lebensmitteln, die keine Wünsche offen ließen. Jedes Land, jede Region - von Indien bis Japan - war nicht nur mit einem Regal, sondern gleich mit einer ganzen
Abteilung vertreten. Selbstredend, dass ich in der Backpackers Küche gleich mal ein indisches Gericht aus dem Topf zauberte. Dazu gab es ein leckeres Weinchen, wobei gesagt sein muss, dass der
australische Wein in Deutschland fast um die Hälfte billiger zu kaufen ist, als in seinem Ursprungsland. Das mag an der hiesigen Steuerpolitik liegen, denn auch Zigaretten kosten hier um die 10 $, also immerhin so um
die 12 Deutsche Mark. Da ich der Sonne entgegen flog und die Zeitdifferenz zu Deutschland 9 Stunden beträgt, hatte ich das Gefühl, ein ganzer Tag sei mir abhanden gekommen... futsch, geklaut. Als ich am Morgen erwachte (bereits um 3.50 Uhr geht die Sonne auf), fühlte ich mich wie Alice im Wunderland. Bisher ungehörte Töne drangen an mein Ohr. Da war ein Vogel, der sich anhörte,
als würde eine Gans auf einer Panflöte spielen - eine betörende Melodie mit punktierter Phrasierung. Andere Vögel pfiffen exotische Weisen von den Dächern. An Schlaf war bei all dem Tumult nicht mehr zu denken. Dem
Schlaf hinderlich war aber auch die Tatsache, dass mein Körper auf die europäische Zeit geeicht war. Dort war es gerade mal 21 Uhr, Ausgehzeit. Brisbane wirkte auf mich sehr geordnet, geradezu steril. Im
Vergleich zu Istanbul eine Oase der Ruhe und Behaglichkeit. Der Verkehr wird durch mannigfaltige Ampeln, Markierungen und Verbotsschildern in Zaum gehalten. Als ich mit dem Fahrrad langsam vor mich hinradelnd die nahezu
leere Fußgängerzone durchfuhr, wurde ich gleich von einem Polizisten freundlich, aber sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass ich abzusteigen hätte, da er sonst 75 $ von mir abkassieren würde.
Immerhin wünschte er mir noch einen schönen Abend, den ich dann im Backpackers bei Spaghetti Bolognese (ach, wie sehr habe ich die vermisst!) und einer Flasche Wein auch hatte. 09.11.01, Surfers Paradise "Surfers
Paradise", so heißt der Ort wirklich ganz offiziell. Und nomen est omen. Aber bis ich die Surfer, bzw. das Meer nun wirklich zu Gesicht bekommen sollte, sollte noch eine ganze Nacht verstreichen. Denn just in
Surfers Paradise angekommen - ich wollte ich mich gerade ob der Richtigkeit des Ortsnamens überzeugen - wurde ich von einem dem Fahrrad hinterherhechelndem Australier regelrecht abgefangen. Nachdem er mich mit Fragen
nach dem Woher und Wohin bombardierte, sollte es sich bald herausstellen, dass er vor etwa anderthalb Wochen mit Freundin und Tandem von einem 4-monatigen Trip in Afrika zurückgekommen war. Sie fuhren per Tandem von
Kapstadt nach Nairobi, was ja auch nicht gerade unter die Rubrik Sonntagnachmittagsausflug fällt.Als er mich fragte, ob ich Lust hätte, bei ihm zu übernachten, sagte ich natürlich freudigerweise gleich
zu. Zuvor jedoch schauten wir noch in seiner Werkstatt vorbei. Ich staunte nicht schlecht, als ich dort ungefähr ein halbes Dutzend Deluxe-Rikshas mit Polstersessel und Stereoanlage vorfand (Anmerkung: Rikshas, das sind
die Dinger,wo man sich hinten auf eine Bank pflätzt, während sich vorne einer die Seele aus dem Leib strampelt). Nick war tatsächlich ein australischer "Rikshawallah" und es wunderte mich in keinster Weise,
dass er in Indien bei der Frage nach seinem Beruf nicht ganz für voll genommen wurde. Hauptsächlich arbeitet er abends bis spät in die Nacht, wenn die Leute mehr oder weniger alkoholisiert ihren Betten
zustreben. Sein Hauptklientel sind Touristen, die Surfers Paradise nicht nur wegen des Wellenreitens frequentieren. Mit etwas Glanz in den Augen erzählte mir Nick, dass eine Woche zuvor so etwas wie ein Formel-1-Rennen
stattfand, was bei ihm die Kasse wohl schön zum Klingeln brachte. Bei ihm zuhause machte ich dann auch Bekanntschaft mit Wakko, seiner japanischen Freundin und Reisegefährtin. Ich wurde nach Strich und
Faden verwöhnt und fühlte mich bei ihnen rundum wohl. Zum Dinner wurde ich in ein thailändisches Restaurant eingeladen und alles wäre perfekt gewesen, wäre nur dieser ätzende Regen nicht gewesen. Schon die ganze Fahrt
über wurde ich von oben her eingenässt. Zum Glück war es nicht kalt, so dass ich bei 24° C sogar noch locker in meinen kurzen Radlerhosen fahren konnte. 14.11.01, Evans Head Über Portsville, wo es einen erstklassigen Campingplatz mit
überdachtem BBQ ("Barbecue" - so was ähnliches wie ein Grillplatz) gab, fuhr ich weiter zum sagenumwobenen Ort Byron Bay. Schon in der Türkei war der Ruf vorausgeeilt, dass Byron Bay nicht nur hip,
sondern auch außerordentlich cool sei. Als beste Adresse am Ort wurde mir die besonders "in"-ige Arts Factory genannt, wo ich dann auch gleich mein Quartier, oder besser gesagt, mein Zelt
bezog. Auf einem riesigen Areal befanden sich unter anderem schmucke Hütten, die, mit Stegen verbunden, um einen malerischen Teich angeordnet waren, Indianertipis, ein Swimmingpool, Spielfelder für
Volleyball und eben besagter Campingplatz mit angrenzender Küche. Die Küche hatte zwar ein wenig Dschungelflair, doch man konnte darin recht gut hantieren und so manches Süppchen zum Kochen bringen.
Gleich am Eingang zur Arts Factory wurden die Gäste per Tafelanschrieb aufgefordert, pro Tag mindestens einem fremden Menschen zuzulächeln. Das schienen sich wohl einige sehr zu Herzen genommen zu
haben, denn ich kam mit dem Zurücklächeln kaum mehr nach. Die Arts Factory als Club Mediteranée für Hippies und solche, die es gerne sein wollen, zu bezeichnen, kommt mir nun doch ein wenig verwegen
vor. Immerhin aber gab es ein fast tägliches Programm unterschiedlichster Aktivitäten. So gab es neben einem gemeinsamen BBQ zum Beispiel Didgeridoo-Kurse, Massagen und eine Art Talentschuppen. Dort durfte dann jeder,
der glaubte, etwas auf dem Kasten zu haben, seine Kunst zum Besten geben. Neben Gitarrenklimpfklamp gab es einen Shakespeare-Monolog auf hebräisch, esoterische Lesungen aus dem selbstverfassten Tagebuch, Witze, die man
sich sonst nur in einer Männerrunde erzählt, gesungene Coverversionen unterschiedlichster Couleur und zwei Moderatoren, die sich bei der Erzeugung primärer und sekundärer Verdauungsgeräusche gegenseitig zu übertreffen
suchten. Zwar gab es keinen Knopf zum Ausschalten, immerhin jedoch Beine, die mich dem Geschehen entfliehen ließen. Was sich gleich in der Nähe meines Zeltes abspielte, war dann doch um
einiges attraktiver. Dort wurde nämlich gejammed, was das Zeugs hielt. Gitarren, Gesang, und Trommeln trösteten mich teilweise über das mir diesmal entgangene, zeitgleich stattfindende Aalener Jazzfestival hinweg. Die
Jungs, die mehr oder weniger zufällig zu der Session zusammentrafen, waren richtig gut. Es groovte an allen Ecken und Enden. Da Byron Bay auch als eine Art El Dorado für Surfer gilt, ließ ich es mir
nicht nehmen, mich selbst auf dem Brett, das für viele hier die Welt bedeutet, zu versuchen. Am anstrengendsten war es, das 3-Meter-Brett gegen den Ansturm der wuchtigen Wellen hinaus auf das Meer zu bekommen. Der
Trainer war eine recht urige Type und demonstrierte in eindrücklicher Weise, dass man das Brett nicht quer, sondern längs, dem Ulmer Spatz gleich, gegen die Wellen schieben soll. Trotzdem gelang es mir, das Brett quer
zu bekommen, so dass ich quasi ein Brett vor'm Kopf und eine Schramme ans Kinn bekam. Der Rest war reine Übungssache. Warten, bis eine gute Welle im Anmarsch war, auf dem Brett liegend wie verrückt mit den Händen
paddeln, versuchen mit beiden Beinen auf das Brett zu steigen, das Gleichgewicht halten und sich dann von der Welle Richtung Ufer tragen zu lassen. Uff!! Das klingt vielleicht recht einfach, in Wirklichkeit war es
knallharte Knochenarbeit. Immerhin habe ich es nach etlichen Bauch- und sonstigen Pflätschern geschafft, ein paar Sekunden stehend auf dem Brett auszuharren, was meine leicht verkümmerte Hühnerbrust natürlich vor Stolz
anschwellen ließ. 14.11.01, Evans Head Die Fahrt nach Evans Head war vielversprechend. Immerhin fuhr ich durch einen Nationalpark, dessen Beschilderungen vor Wildwechsel in Form von Känguruhs und Koala-Bären warnten.
Doch nichts als falsche Versprechungen!! So sehr ich auch meinen Hals beim Radfahren nach allen Richtungen hin verrenkte - außer einem halbverwesten Känguruh, dessen unappetitliche Geruchsnote mich schnell zur
Weiterfahrt veranlasste, konnte ich nichts Weltbewegendes entdecken. 15.11.01, Iluka
Na also, es geht doch! Plötzlich stand es mitten auf einer Wiese und glotzte mich an. Ich war erstaunt über die Größe, die ich so auf ca. 1,50 m
schätzte. Ein Anblick nicht nur für Götter! Als ich jedoch an meiner Tasche herumnestelte, um meine Kamera frei zu bekommen, hopste es (oder war es eher ein Hoppeln?) in das schützende Unterholz eines Wäldchen. Erst
jetzt hatte ich das Gefühl, auch wirklich in Australien zu sein.Australien ist jedoch nicht nur das Land der Känguruhs. Auch eine Schlange bekam ich am Abend zu Gesicht. Sie lag recht leblos auf den
Steinen des Weges. Ob nun in Kälte- oder Totenstarre, sooo genau wollte ich das nun auch wieder nicht wissen, zumal mir gesagt wurde, dass die meisten Schlangen hier äußerst giftig seien. 16.11.01, Grafton Mit der Fähre fuhr ich in
einer halbstündigen Fahrt von Iluka nach Yamba über das Delta des großen Clarence-Flusses. Fast überall waren Pelikane zu sehen. Entweder hockten sie auf einen der Pfosten der vielen Landungsstege oder sie lagen am
Ufer, ihr Fischfrühstück verdauend. Von Yamba bis Grafton ging die Fahrt immer entlang des Flusses. Ein besonderes Highlight war es, als mich zwei Delphine ein Stück des Weges mit ausholenden Sprüngen
begleiteten. Ach, sogleich fühlte ich mich in meine Kindheit zurück versetzt. Damals hechtete Flipper (der Freund aller Kinder) mit großen Sprüngen über den Bildschirm und es gab keine Folge, die ich ausgelassen hätte.
Doch "in echt" war das ganze Spektakel umso beeindruckender. Faszinierend ist auch die Vogelwelt in Australien. Neben den bunten Papageien gibt es auch jede Menge Vogelarten, die mein Auge noch
nie erblickte. Eine Vogelart mit weißem Gefieder, gelbem Hals und gelbem Kopf bevölkerte gleich zu Hunderten eine ganze Kolonie von Bäumen, die recht eindrucksvoll im Wasser standen. Ein unbeschreiblich schönes Bild! Dann schien sich am Himmel ein Unwetter zusammenzubrauen. Schlagartig wurde es dunkel und die Autos kamen mit eingeschaltetem Licht entgegengefahren. Dazu begann ein recht starker Wind mir kalt ins
Gesicht zu blasen, so dass ein Vorwärtskommen nur unter starkem Beineinsatz möglich war. Als es dann auch noch zu tröpfeln begann, befürchtete ich schon Schlimmes. Weit und breit gab es nämlich keinerlei
Unterstellmöglichkeiten, so dass ich mich dem Unwetter frontal ausgeliefert sah. Doch das Strampeln gegen den Wind hatte sich gelohnt, denn irgendwie hatte ich es geschafft, gerade noch unter den schwarzen Wolken
hindurch zu kommen. Als ich meinen Blick nach hinten wendete und all die dunklen Regenschwaden sah, deren Tentakel bis auf den Boden reichten, wusste ich, dass ich wieder einmal großes Glück gehabt hatte.
Ach ja, ich vergaß ganz zu erwähnen, dass Susanne, eine alte, junge Bekannte, die schon seit über 10 Jahren in Kalifornien lebt, sich kurzerhand mit Fahrrad angekündigt hat. Am 22. November wird sie in
Sydney ankommen. Gemeinsam wollen wir dann in den 4 Wochen, die sie in Australien sein wird, Richtung Melbourne radeln. Und am 30. November wird mein Bruder Michael mit seinen Freunden in Sydney eintreffen.... Da ich Susanne gerne vom Flughafen abholen möchte, habe ich beschlossen, meine Tour nach Sydney mittels öffentlicher Verkehrsmittel etwas abzukürzen. In Grafton informierte ich mich also nach den
Möglichkeiten, wie ich mit Bus oder Bahn samt Fahrrad Sydney ein Stück näher rücken könnte. Der Bus schied von vorne herein schon mal aus, da der Fahrradtransport allein über 60 DM gekostet hätte. Mit Karton - woher
nehmen und nicht stehlen? - hätte die ganze Chose rund 30 DM gekostet. Da erschien mir das Angebot der Bahn, das Fahrrad mit bahneigenem Karton für 15 DM zu transportieren, schon etwas realistischer. Aber, oh Schreck,
die Abfahrt des Zuges sollte am nächsten Morgen um 6.30 Uhr sein. In der Nähe des Bahnhofes fand ich ein Hotel, das der freundliche Mann vom Schalter zurecht als "very basic" bezeichnete. Aber
der alte Kasten hatte Charme und ein Zimmer kostete ungefähr 18 DM. Da kann man nicht maulen. Zum Glück hatte ich bei meiner abendlichen Erkundungsfahrt rund um das Hotel herum meinen Fahrradhelm auf -
was hier in Australien übrigens Pflicht ist -, denn ich hörte wie irgendwas mit laut vernehmbaren "Tock" dagegen schlug. Ganz verdattert hielt ich nach der Ursache des Geräusches Ausschau, als auch schon ein
schwarz-weißer, elsternhafter Vogel - ein australischer Magpie - zu einer erneuten Attacke auf mein zartes Hinterhaupt ansetzte. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Die Helmpflicht für Radfahrer gilt
weniger dem motorisierten Verkehr, als vielmehr den schwarz-weißen Stukka-Geschossen, die von den Bäumen herab unbescholtene Radfahrer attackieren. Ich schreibe das mit solcher Bestimmtheit, da ich in Brisbane bereits
ähnliche Erfahrungen mit dieser Form der australischen Luftwaffe hatte. Doch zurück zu meinem Hotel. Dort richtete ich mich auf eine kurze Nacht ein. Ich hörte in der Deutschen Welle, dass die Damen und
Herren von der Koalition dem Bundeskanzler die Stange halten, so dass die Herren Soldaten von der Bundeswehr nun endlich einmal von ihren mühseligen Trockenübungen entbunden werden, trank ein Bier darauf und stellte
meinen Wecker auf 10 vor 5, denn schließlich musste ich ja noch das Fahrrad reisefertig in den Karton bringen.
17.11.01, Forster "Aufstehen", meldete der Wecker mit melodischem Geläut. Er kannte kein Pardon mit mir, obwohl
ich in der Nacht denkbar schlecht geschlafen und sogar von einem Alptraum - mein Fahrrad und mein Geld waren geklaut worden -aufgeschreckt wurde. Ich machte mich recht gemütlich an mein Tagewerk, als
mein Blick an den Zeigern meiner Uhr haften blieb. Ich hatte mich beim Stellen des Weckers um eine ganze Stunde vertan! In der Zwischenzeit war es 10 nach 6 und in 20 Minuten sollte mein Zug den Bahnsteig verlassen.
Jetzt war Hektik pur angesagt. Allerhöchste Eisenbahn! Meine Taschen stopfte ich mehr, als dass ich sie packte und wirbelte bereits nach einigen Minuten - oder waren es Sekunden?- durch die finsteren Gänge des
alten Hotelschuppens. Zum Glück war der Bahnhof nicht mehr allzu weit. Der Countdown lief auf Hochtouren. 10 vor halb kam ich an, bettelte um einen Fahrradkarton, den man mir erst mit stoischem Klicken des Fingernagels
auf die Armbanduhr verweigern wollte. Ich bekam dann zwar noch den Karton, das Fahrrad aber bekam ich nicht mehr, trotz hektischer Anstrengung, ordnungsgemäß auseinandergebaut. Die Pedale widersetzten sich meinen
Bemühungen, sie verkehrt herum aufsetzen zu wollen und auch das Hinterrad erwies bei dem Versuch, es aus den Angeln heben zu wollen, als recht trotzig. Noch 3 Minuten - und der Schaffner, ein Typ der Marke "Law and
Order", meinte, indem er auf das rudimentär verpackte Fahrrad deutete, nur lakonisch "No Ways!" Als ich ihn dann regelrecht beknien wollte, das halb im Karton versenkte Fahrrad vielleicht doch noch
mitnehmen zu wollen, meinte er nur, es könnte ja jemandem auf den Kopf fallen. Im Gepäcksraum!!! So ein Ar...mleuchter! Seine Kumpels von der Bahn hatten da schon mehr Verständnis für meine Situation. Als sie Mr
Law and Order fragten, ob es vielleicht nicht doch möglich wäre, dass... , meinte dieser nur, er hätte mit dem Gepäck sowieso nichts zu schaffen, da er ja nur der Schaffner sei. Ich dachte ich krieg' 'nen Hub! Also
wurde mir auf die Schnelle eine Klebebandrolle gereicht, so dass der Karton trotz überbordenden Lenkers und Sattels doch noch einigermaßen in Façon gebracht werden konnte. Und ab die Post in den Gepäcksraum! Meine
Taschen konnte ich gerade noch in das Abteil retten, als der Zug auch schon Anstalten machte, abzufahren. Uff, das war wirklich kurz vor knapp!
Wieder einmal sollte eine Tasse Kaffee aus dem Zugbistro für mich die Rettung bedeuten. In Taree, nach gut 4 Stunden Fahrt, galt es, das Fahrrad wieder fahrtauglich zu machen. Taree
zeigte sich mir von einer sehr angenehmen Seite. Ich kam in einem Cafe, wo es Spaghetti Bolognese für 6 Märker gab, mit verschiedenen Leuten ins Gespräch. Untere anderem mit Liz und Kerrie, die einen Swimmingpoolhandel
betreiben und mir gleich ihre Visitenkarte mit Telefonnummer gaben, für den Fall, dass ich in Not geraten würde. Nach all dem Law und Order eine überaus versöhnliche Geste. Bei der Fahrt nach Forster
hing mir die unruhige Nacht noch ziemlich in den Knochen. Recht mühsam schraubte ich mich die Hügel hoch, um nach einer kurzen Talfahrt wieder von neuem zu beginnen. Sysiphos lässt grüßen! Doch die Mühen
sollten sich gelohnt haben. In Forster sah ich das türkisischste Wasser, das ich je zu Gesicht bekommen habe. Ein Traum! Pelikane, die australischen Schwäne, zogen ihre Runden und die Welt war wieder in Ordnung. 18.11.01, Bombah Point
Ein Tag der Superlative! Rechtzeitig, gerade als ich mein Zelt abbauen wollte, fing es stark zu regnen an. Besonders leid taten mir die vielen Läufer, die bei der Austragung eines australischen Triathlons quasi direkt
an meinem Zelt vorbeiliefen. Da blieb kein Faden trocken. Aber der Regen sollte nur von vorübergehender Dauer sein. Entlang der Marathonstrecke, auf welcher Männlein und Weiblein, mit stierem, nach
vorne gerichtetem Blick, sich dem Ziel entgegen plagten, führte die Route durch den Booti Booti Nationalpark zu den "Great Lakes". Alte, knorrige, urwüchsige Bäume mit endlos vielen Verästelungen säumten den
Weg. Eine unüberschaubare Urwaldlandschaft eröffnete sich meinem Blick. Nach einigen Berg- und Talfahrten erreichte ich einen der großen Seen, idyllisch eingebettet in das Meer der Urwaldgewächse. Doch die Idylle sollte
nicht allzu lange anhalten. Gerade, als ich im Begriff war, einen Pass mit zum Teil vierzehnprozentiger Steigung zu erklimmen, kündigte sich durch fernes Donnergrollen ein Gewitter an. Ehe ich mich recht versah, steckte
ich auch schon mitten drin. Um mich herum blitzte und rumpelte es, so dass ich schon Sorge hatte, der Blitz könnte mein Fahrrad als Blitzableiter auserkoren haben. Doch damit nicht genug! In den nächsten Minuten ergoss
sich ein Wolkenbruch hernieder, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als mit schnell übergeworfener Regenjacke und eingezogenem Genick neben dem Fahrrad stehend das himmlische Naß über mich ergehen zu lassen. Doch auch dieser Schauerspiel ging vorüber. Nach weiteren 30 Kilometern, der Tag war gerade in Begriff, sich seinem Ende zuzuneigen, führte mein Weg über ein nichtasphaltiertes Sträßlein durch eine
zauberhafte Traumlandschaft. Zum Glück gab es weit und breit kein Auto, so dass ich die Stille der Landschaft mit seinen verlockenden Vogelstimmen ausgiebig genießen konnte. Links des Weges führte ein verträumter Bach
durch altes urwüchsiges Gehölz, Känguruhs überquerten im Rudel hüpfend meinen Weg und als Krönung des ganzen Spektakulums weitete sich ein Regenbogen vor mir aus, dessen Farben mit einer solchen Intensität erstrahlten,
wie ich es zuvor noch nie gesehen hatte. So ähnlich müsste es wohl im Paradies aussehen, dachte ich mir, wenn es denn eines gäbe. Bombah Point bestand eigentlich nur aus einem Campingplatz mit
dazugehörenden Gebäuden. Es begann bereits dunkel zu werden, als ich mein Zelt an einem malerischen See aufbaute, dessen Ufer Teil des Campingplatzes war. Pelikane und andere Seevögel zogen friedlich ihre Runden und es
hätte wirklich perfekt sein können, wenn nicht.... Kaum hatte ich nämlich mein Abendessen, Reis mit indischer Currysoße (aus der Dose), zubereitet, da zogen auch schon die schwärzesten Wolken über dem
Horizont auf. Ich konnte gerade noch die Kochutensilien in das Innere des Zeltes retten, als auch schon ein mächtiger Sturm, begleitet von starken Regenschauern einsetzte. Eine Art Sommergewitter, dachte ich mir, heftig
aber kurz - und dann ist wieder Ruhe im Karton. Denkste! Das Ganze war nur eine Art Vorgeplänkel. Nach einer halben Stunde sollte der ganze Spaß erst so richtig losgehen. Mein Zelt wurde so stark durchgerüttelt, dass
ich allen Ernstes befürchtete, es könne mitsamt Inhalt einfach so davongeblasen werden. Wie erstarrt saß ich nun auf meiner Isomatte und wagte immer wieder mal einen vorsichtigen Blick aus einem kleinen Guckloch nach
draußen. Je stärker der Sturm an den Grundfesten meines Zeltes rüttelte, desto mehr Gedanken gingen mir durch den Kopf. Was, wenn die Bäume, unter denen ich das Zelt aufgebaut hatte, sturmgebeutelt auf das Zelt fallen
sollten? Auch das Wasser des Sees bäumte sich bedrohlich im Sturm auf, so dass ich befürchtete, ich könne nicht nur weggeblasen, sondern auch weggeschwemmt werden. In Gedanken wälzte ich schon alle möglichen
Evakuierungsspläne. Als der Sturm dann mit unverminderter Stärke in die 3. Stunde ging, begann ich, begleitet von dem Dröhnen des Sturmes und des zwischenzeitlich einsetzenden Gewitters, trotz der Kälte von 15º C (ich
hatte ja meinen Schlafsack nach Hause geschickt), ins Land der Träume hinweg zu schlummern.
19.11.01, Tea Gardens Irgendwann in der Nacht wachte ich auf und vernahm nichts als Stille. Das wäre nun überstanden,
dachte ich mir. Doch falsch gedacht! Am frühen Morgen gab es eine Neuauflage des Schauspiels. Doch diesmal war es wenigstens hell, so dass ich die brausenden Wogen des Sees und die sich im Sturm biegenden Bäume deutlich
vernehmen konnte. Wasser begann in mein Zelt zu sickern und es wurde zunehmend ungemütlicher. Mehr als zwei Stunden saß ich in meinem Zelt gefangen, eingeschlossen durch die sintflutartige Dauerberieselung von oben, bis
ich mich endlich entschließen konnte, meinem Wasserschloss zu entfleuchen.Im Eingangsgebäude zum Campingplatz gab es wenigstens eine Tasse Kaffee und ein trockenes Plätzchen zum Sitzen. Doch
sobald der Regen Anstalten machte, aufzuhören und ich mich an das Zeltabbauen machen wollte, gab es eine Neuauflage der Regenschauer. Nachdem ich ungefähr 3 Stunden in Wartestellung verbrachte und dabei
versuchte, jede auch noch so kleine Änderung am Himmel zu analysieren und zu deuten, sah ich meine Chance zum Zeltabbau schließlich gekommen. Das Abbauen des Zeltes erwies sich jedoch als äußerst schwieriges
Unterfangen, da der Sturm noch immer voll zu Gange war und an allen Enden des Zeltes mit ungebändigter Kraft zerrte und zog. Die nächsten 28 Kilometer bis Tea Gardens fuhr ich durch eine
wunderschöne Landschaft, die ich aber, obwohl mir auf der ganzen Strecke vielleicht nur 5 Autos begegneten, nicht so recht genießen konnte, da mir durch den erneut einsetzende Regen der Blick für die Schönheiten der
Natur stark getrübt wurde. Von Tea Gardens aus wollte ich mit der Fähre nach Nelson Bay übersetzen und freute mich schon, als ich im Fahrplan las, dass die letzte Fähre in einer dreiviertel Stunde
ablegen sollte. Aber ich freute mich zu früh. Wie ein begossener Pudel stand ich über eine halbe Stunde lang vor dem Ablegesteg im Regen, von Fähre oder Fährmann jedoch nicht der Hauch einer Spur. Im
nahegelegenen Pub bekam ich dann die Auskunft, dass die Fähre wegen der Wetterverhältnisse schon den ganzen Tag über den Betrieb eingestellt hatte. Auch in Hinblick auf die Wetterprognose, erhielt ich keine allzu
optimistische Auskunft. Auch für die nächsten drei Tage wurden Sturm und Regen gemeldet. Ich saß also regelrecht fest und es schien mir nichts anderes übrig zu bleiben, als das vor Nässe triefende Zelt
erneut in irgendeinem Caravan-Park aufzuschlagen. Nachdem dies - wieder unter äußerst nassen Bedingunden - geschehen war, begab ich mich zu einem Pub, um wenigsten für eine Weile der widerlichen Nässe zu
entrinnen. Irgendwie musste ich mein Fahrrad etwas ungeschickt an einen Pfeiler gelehnt haben, denn als es umzukippen drohte und ich es gerade noch auffangen wollte, löste sich der Fahrradcomputer aus der Halterung und
flog in hohem Bogen auf den zementierten Untergrund. Das war zuviel für das gute Stück und es beschloss von nun an seine Funktion einzustellen. Ich blickte in ein gähnend leeres, mausgraues Display. Alle sofort
eingeleiteten Reanimierungsmaßnahmen schienen keinerlei Wirkung zu zeigen - das Display blieb leer und grau. Operation mißlungen - Patient tot! In der Zwischenzeit erkundigte sich die Besitzerin
der Bar nach meiner Befindlichkeit ("Hi... goin'?") und eröffnete mir, als wir auf das Thema Wetter und Zeltabenteuer zu sprechen kamen, dass sie mir ein Zimmer zum Backpackerpreis anbieten könne. Das Angebot
war so verlockend, dass ich mich wieder zum Caravanpark begab, um im triefenden Regen das Zelt erneut abzubauen. Das Zimmer, das ich nun bezog, war picobello und ließ keine Wünsche offen. Neben Dusche
und Klo gab es einen Fernseher, einen Kühlschrank, einen Wasserkocher und sogar Kaffeepulver, Milch sowie eine Kaffeetasse nebst Unterteller. Jetzt konnte der Sturm draußen wüten und tosen wie er wollte, denn ich hatte
nun meine Täschlein und Schäflein im Trockenen. 20.11.01, Tea Gardens Nachdem der regenpeitschende Sturm immer noch sein Unwesen trieb, beschloss ich auf eine Weiterfahrt zu verzichten. In der Tageszeitung von Sydney war
zu lesen, dass der Sturm in der Gegend, in der ich mich befand, etliche Dächer abdeckte und mit einer Geschwindigkeit von zum Teil mehr als 140 km pro Stunde über das Land preschte. Der dabei entstandene Schaden wurde
auf mehr als 15 Millionen DM beziffert. Das hatte durchaus "Lothar-Qualität" und so war ich im Nachhinein wirklich froh, so glimpflich davongekommen zu sein. Am Abend gab es eine Übertragung
des WM-Qualifikationsspieles Australien gegen Uruguay. Da ich bei dem Sauwetter nichts besseres zu tun hatte, setzte ich mich in die Bar, um das Spiel ein wenig zu verfolgen. Ich hatte erwartet, dass halb Australien bei
solch einem Ereignis aus dem Häuschen sei, doch weit gefehlt! Die Bar war nahezu leer. Auf ungefähr zehn Fernsehbildschirmen, die auf einem Regal aneinandergereiht standen, liefen die in Australien wohl unvermeidlichen
Hunderennen (Wetten abzuhalten, ist hier eine der große Leidenschaften), von Fußball jedoch keine Spur. Sollte ich mich womöglich bei der Lektüre der Tageszeitung, in welcher das Spiel auf Seite 20 oder so angekündigt
wurde, gar im Datum geirrt haben? Das Spiel ging bereits in die 15. Minute, als der Barkeeper an einem der vielen Fernseher herumhantierte und das Spiel schließlich auf den Bildschirm brachte. Der Ton blieb jedoch auf
leise gestellt, so dass man das Geschehen nur optisch verfolgen konnte. Während sich im angrenzendenRaum mit den Spielautomaten immer mehr mehr Leute einfanden, wurde es im Fernsehraum zunehmend leerer. Nach ungefähr
einer halben Stunde war im Fernsehraum, außer mir und einem Pärchen am Nebentisch, niemand mehr anwesend. Fußball scheint hier wohl nicht die Welt zu bedeuten. Wie überrascht war ich dann auch noch, als der Mann am
Nebentisch seiner Partnerin in gut vernehmbarem deutsch das Wort "Elfmeter" zurief. So sollte sich herausstellen, dass sich hier in Tea Gardens außer 3 Deutschen, kein Mensch für Fußball zu interessieren
schien. Dass die australische Mannschaft gegen Uruguay nach einem Elfmeter 1:0 gewann, erscheint mir in diesem Zusammenhang eher nebensächlich. Angesichts des enormen Publikumsinteresses hier, hätte ich jedoch vielmehr
der Mannschaft aus Uruguay den Sieg gegönnt. |