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Melbourne, 22.12.01 Seit 3 Tagen bin ich nun wieder "solo", da Susanne gestern Vormittag leider wieder nach Kalifornien zurückgeflogen ist.
4 Wochen lang sind wir zusammen mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Zunächst sind wir nach Newcastle gefahren, welches sich ca. 150 km nördlich von Sydney befindet. Die Fahrt dorthin war
traumhaft schön und führte entlang einsam gelegener Strände, deren feinkörniger Sand zum Bad im kühlen, azurblauen Meer, mit Wellen, wie Sahnehäubchen, einlud. Meist übernachteten wir auf den
Campingplätzen der Nationalparks, die sich auf unserem Weg befanden. Meist waren sie nicht nur "very basic", sondern auch "very nice". Besonders der Nationalpark "The
Basin" hatte es uns angetan. Einmal von Palm Beach aus kurz über die Bucht geschippert... und schon waren wir da. Zu "The Basin" sind wir eher durch Zufall gekommen, da uns die letze Fähre nach
Ettalong quasi direkt vor der Nase davongefahren war. Eigentlich dachten wir ja, dass es dort einen Laden oder so etwas ähnliches gäbe. Doch falsch gedacht. Außer einem riesigen Platz, auf welchem sich eine
handvoll Menschen befanden, gab es nur die Meeresbucht auf der einen und den Regenwald auf der anderen Seite. Zum Glück hatten wir noch genügend Spaghetti an Bord, so dass wir keines Hungers darben mussten. Doch wir waren nicht die einzigen, die Gefallen an italienischer Pasta fanden. Auch einige "Critters", wie Susanne sie nannte, schienen ganz wild darauf zu sein. Zwei kleine,
pelzige Ungeheuer mit dunklem buschigen Schwanz rückten unseren Spaghetti kräftig zu Leibe. Weder durch lautes Rufen, noch durch Klatschen ließen sie sich aus der Fassung bringen. Das einzige, was Wirkung zu
zeigen schien, war eine Ladung kalten Wassers aus dem Topf - frontal! Bei diesen Geschöpfen der Natur handelte es sich übrigens um Possums, die wir (ganz zu unserer Schande) erst als Eichhörnchen,
dann als "Waterrats" und später als "Aliens" klassifizierten. "The Basin" erwies sich auch als toller Ausgangspunkt für "Dschungelexpeditionen". Je weiter wir
bergan schritten, desto unwirklicher wurde die Landschaft. Farne, Grasbäume und Baumriesen säumten den Weg zu den sogenannten "Aboriginal Sites". Dort konnte man zwar nur recht rudimentär - doch immerhin
- die Konturen von Mensch und Tier auf große Steinplatten geritzt, ausmachen. Etwas abstrus fand ich die Erklärung auf einer Informationstafel, die besagte, dass man zwar nicht so recht wisse, wie die
"Eingeborenen" ihre Ritzkunst vollzogen hätten, dass man aber davon ausginge, dass sie dafür Steine verwendet hätten. (.............?!?!?) Die Route nach Newcastle führte über Orte, die
lautmalerisch sehr verheißungsvoll klangen: Empire Bay, Terrigal, Wamberal, Bateau Bay, The Entrance und Swansea. Swansea war ebenfalls ziemlich "top!". Dort sah man neben schwarzen!!
Schwänen auch Pelikane und andere Wasservögel. Wir hatten einen supertrooper Campingplatz direkt am See und genossen die Idylle, die Ruhe, die Stille...ja bis...ein Rasenmäher angeworfen wurde und sich anschickte, uns
den letzten Nerv zu rauben. Und dabei war nicht einmal Samstag... Von Newcastle aus nahmen wir den Zug zurück nach Sydney. Fahrräder durften zwar mitgenommen, doch -"Oh Weh!"- , die
sollten an einer Art Metzgerhaken an der Decke aufgehängt werden. Das jedenfalls verlangten die Eisenbahnsheriffs von uns. Doch, Oh Graus, dazu hätten wir sämtliche Taschen von den Fahrrädern entfernen müssen.
"No ways!..." Wir versuchten deshalb unsere Fahrräder in dem uns zugewiesenen Eisenbahnzwischenabteil so zu stellen, dass möglichst keine Fahrgäste behindert und auch keine T,üren blockiert
wurden. Als sich mein Fahrrad dann aber aus Gründen der Fliehkraft in einer Kurve selbständig machte und den Zugang zu sämtlichen Abteils versperrte, war es mir dann doch recht peinlich - zumal dadurch
nicht nur Susanne und ich, sondern dazu auch noch die Eisenbahnsheriffs im Zugabteik aus- bzw. eingeschlossen waren. Die nahmen das Ganze jedoch mit Humor, lachten und freuten sich, einen triftigen Grund gehabt zu
haben, keine Patrouille laufen zu müssen. Im "Original Backpacker", angeblich dem allerersten Backpacker überhaupt, fanden wir in Sydney eine neue Heimat. Am nächsten Tag begab
ich mich schon früh am Morgen zum Flughafen, um meinen Bruder und seine Freunde abzuholen. Fast hätten wir uns verfehlt, da sie aus einem ganz anderen Eingang, wie angekündig, die Flughalle betraten. Doch mit Handy war
das alles gar kein Problem! Dass das Signal von Alex' Handy dabei einen kleinen Umweg um die halbe Welt nach Deutschland und wieder zurück nach Australien machte, um dann meinem Handy, welches sich vielleicht 20 Meter
entfernt befand, ein melodisches Gefiepse zu entlocken, sei eher nur am Rande erwähnt. Nachdem die Familienzusammenführung der "Wick-Brothers" dank modernster Technik dann doch noch erfolgreich
von Statten gegangen war, wurde ich seinen Freunden vorgestellt. Alle drei machten einen sehr sympathischen Eindruck auf mich und es dauerte nicht lange, dass wir uns miteinander vertraut fühlten. Neben
meinem Bruder Michael, der in Remshalden ("Ramsaschdruad") wohnt, waren da noch Alexander aus Ulm, Bernd aus Ravensburg und Thomas aus Wasseralfingen. Im Backpacker bezogen wir ein 6-er
Zimmer mit Fernseher und Kühlschrank, wobei sich letzteres als besonders sinnvoll (da viel Durst) erweisen sollte. Natürlich saßen wir nicht nur im Backpacker herum, sondern stellten uns auch den
vielfältigen Herausforderungen des Großstadtlebens. In Kings Cross, dem Stadtviertel, in dem wir Quartier bezogen, gab es neben schwergewichtigen Türstehern auch so manches leichte Mädchen. Kenner der Szene fühlten sich
in Kings Cross durchaus an die Reeperbahn in Hamburg erinnert. Auch kulinarisch war in Kings Cross allerhand geboten. Mir sagten besonders die fremdländischen Speisen zu, die an fast allen Ecken
angeboten wurden. Indien, Thailand, Japan, Amerika (McDingsbums), Libanon... fast jede kulinarische Richtung schien vertreten zu sein. Wir klapperten jedoch auch gemeinsam einige Strände von Sydney ab.
Erst Bondi, dann Manly... doch jedesmal sollte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. (Wer geht auch schon gerne baden, wenn es auch außerhalb des Wassers nicht nur nass, sondern dazu auch noch
kalt ist.) Eines abends gingen wir auch zu "The Rocks", der Partymeile von Sydney. Dank Cathy, die ich in Istanbul kennenlernte, kamen wir in den Genuss eines fetzigen
Funkkonzertes mit Club-Atmosphäre. Es war schon toll! Die letzten 2 Monate war ich mehr oder weniger ohne soziale Anbindung und nun war ich urplötzlich von 5 waschechten Schwaben umgeben.
Fast war es so, als wäre mir die "Heimat" (was auch immer das bedeuten mag) nach "downunder" nachgereist. Heimatgefühle (jedoch kein Heimweh, lieber Manfred Moll!) kamen auch auf, als
mein Bruder Michael mir die Schwäpo (vom Vortag) und eine Flasche Original Aalener Löwenbräu überreichte. Nach 3 Tagen war Abschied angesagt. Mein Bruder und seine Freunde flogen in Richtung
Norden, um von Cairns aus mit einem Leihwagen nach Sydney zurückzufahren. Susanne und ich begaben wir uns jedoch fahrradfahrender Weise in Richtung Süden, das Ziel Melbourne vor Augen. Wir fuhren
entlang der Küste und übernachteten überwiegend auf den Campingplätzen der vielen Nationalparks, die wir durchstreifen sollten.
Unterwegs bekamen wir auch jede Menge Tiere zu Gesicht; mehr, als uns oft lieb war. So machten uns im Nationalpark Jervis Bay zwei Känguruhs, die sich an unseren Packtaschen zu schaffen machten, zu
schaffen. Weder durch aufgeregtes Armgefuchtel, noch durch staccatoartige Schreilaute ließen sie sich von ihrem Tun abhalten. Erst als wir mehrmals laut in die Hände klatschten, bequemten sie sich mit größter
Gelassenheit einen Hüpfer zur Seite zu machen. Neben den Känguruhs gab es aber auch noch einige bunte Papageien, die es ebenfalls auf unser Essen abgesehen hatten. Wie die Spatzen in Deutschland legten
sie eine große Neugierde an den Tag. Auf den Fahrradstangen sitzend, warteten sie während wir am Rumköcheln waren, darauf, dass sich irgendein Brocken in ihre Richtung verirren könnte. Richtig stressig
waren jedoch die Possums, die, ein wenig größer als Katzen, bei der Dämmerung wie aus dem Nichts auftauchten. Die Possums schienen weder Scheu, noch Manieren zu haben. Sie brachten es sogar fertig, auf die
Tischplatte zu hüpfen, um eben mal ein wenig am Teller schnuppern zu können. Recht angenehm hingegen war der Kontakt, den wir mit den Emus hatte. Die waren nämlich in einem Gehege zu bewundern und
stellten so keinerlei Gefahr für unsere Gesundheit oder unser Essen dar. Eher das Gegenteil war der Fall. Da auf der Emufarm neben allerlei Dingen, wie Emueier, Emumaskottchen, Emulederarmbänder usw... auch
"Emu-Pies" serviert wurden, ging die Gefahr für diese Straußenvögel eher von unserer Seite aus. Im "Royal National Park", der ca. 30 km südlich von Sydney liegt und neben dem
Yellowstone Nationalpark in den USA als einer der ältesten Nationalparks gilt, machten wir Bekannschaft mit Paul. Pauls Mutter war vor geraumer Zeit von Deutschland aus nach Australien ausgewandert. Zum Leidwesen von
Paul wurde er jedoch nicht zweisprachig erzogen, so dass er nur der englischen Sprache mächtig war. Wir staunten deshalb nicht schlecht, als sich Paul als großer Kenner und Liebhaber der
schwäbischen Küche outete. "Spätzle", "Maultaschen" und "Rindsroulade" ging ihm genauso locker über die Lippe wie unsereins, sagen wir mal: "Pizza", "Paella" und
"Spaghetti". Abends besuchte er uns, ein paar Flaschen Bier unterm Arm geklemmt, auf dem Campingplatz. Wie schwammen nachts gemeinsam im Meer, lachten viel, hatten aber auch
ernste Gespräche. Fast war es so, als ob wir uns schon seit vielen Jahren kennen würden. Das Radfahren auf Australiens Straßen kann man im Allgemeinen als recht annehmbar bezeichnen. Auf den
Highways nerven zwar manchmal die vorbeirasenden Autos und die wuchtigen Trucks, doch gottseidank gibt es auch Strecken, die etwas weniger befahren sind und durch wunderschöne Landschaften führen.
Susanne fühlte sich an der Küste mit ihren vielen Klippen sehr an Kalifornien erinnert. Manchmal machte unsere Route auch mal einen kleinen Schlenker weg vom Meer. Dann fuhren wir auf meist kleineren Sträßchen
durch dichten, faszinierenden Regenwald. Je weiter wir uns in Richtung Süden bewegten, desto europäischer schien die Landschaft zu werden. In Bega hatten wir gar das Gefühl, irgendwo auf
der Ostalb gelandet zu sein. Auch geruchlich kam es der Sache recht nahe, da es auch dort viel Landwirtschaft gab. Nur die bunten Papageien, die schreiend und krächzend von Baum zu Baum flatterten, schienen nicht
so recht ins Bild zu passen. In einer Kirche in Bega kamen wir sogar in den Genuss eines klassischem Streichkonzertes, wobei es sich herausstellen sollte, dass die Leiterin des Orchesters vor 35 Jahren,
liebesbedingt, von Stuttgart nach Australien ausgewandert war. Mit dem Wetter waren wir oft nicht so recht einverstanden. Manchmal gab es Tage, die waren so wolkenverhangen, dass man glaubte, die dunklen
Wolken könnten sich jederzeit entladen. Und genau das passierte dann auch häufiger, als uns lieb war. Dann konnte es schon mal sein, dass es gleich zwei Tage am Stück regnete. War dies der Fall, mieteten wir uns meist
in irgendeinem Ort ein Zimmer und warteten darauf, dass sich die Regenwolken wieder verzögen. Doch wir hatten - wenn auch nicht gerade im Übermaß - durchaus auch wunderschönes Wetter, bei welchem
es dann wirklich eine Freude war, auf dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren oder am Strand zu liegen. Von Bega aus fuhren wir mit dem Bus nach Melbourne, da der Flieger von Susanne 2 Tage später vom
Boden abheben sollte. Melbourne ist eine sehr lebendige und interessante Stadt. Besonders der Botanische Garten hatte es uns angetan. War der Botanische Garten in Sydney schon eine Wucht, so
erfuhren wir hier sogar noch eine Steigerung. Im Park konnte man sich auf einem der vielen idyllischen Plätzen (z.Bsp. auf einer Wiese am Seerosenteich) tummeln oder man konnte die faszinierende Welt der
exotischen Pflanzen, die bei uns höchstens mal im Wohnzimmer "en miniature" wachsen, bewundern. Ganz beeindruckt war ich auch von den botanischen Kenntnissen, die sich Susanne erworben hatte.
Sie kannte nicht nur die Namen fast aller Pflanzen, sondern konnte sie auch noch regional mit einer großen Treffsicherheit zuordnen. Ein weiteres Highlight in Melbourne war auch der Queen Victoria Markt.
Wahrsager, Maler, Musiker und Verkäufer gingen dort ihren Beschäftigungen nach und sorgten für eine nahezu orientalische Atmosphäre. Erlesenes Kunsthandwerk und Waren aus der ganzen Welt wurden feilgeboten und es gab
auch Essenstände, die den kosmopoliten Charakter, den Melbourne ausstrahlt, widerspiegelten. Speisen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt waren im kulinarischen Angebot, doch es gab auch gute regionale Weine, die
dem Gaumen lieblich schmeichelten. 29.12.01, Smithton (Tasmanien) In Melbourne verbrachte ich nun mehr als eine Woche. Ich musste mich nach der gemeinsamen Zeit mit Susanne wieder auf das Alleinsein einrichten und wollte auch
die Weihnachtsfeiertage nicht irgendwo auf dem Land (wo über die Weihnachtsfeiertage ein gewisser Versorgungsengpaß zu befürchten war), verbringen. Was aber genauso wichtig war: Ich musste mich
nun endlich entscheiden, wohin die weitere Reise gehen soll. Da in einem Monat das Visum auslaufen sollte und die Flüge rechtzeitig gebucht werden müssen, konnte ich die Entscheidung nicht mehr länger hinauszögern. Doch wohin? Von Australien aus betrachtet schien die Welt nach allen Seiten hin zum Greifen nahe zu sein. In Gedanken hangelte ich mich von Japan nach Kanada, von Südafrika nach Kenia, von Ghana
nach Marokko und von Indien bis in die Mongolei. An einem Tag favorisierte ich Afrika, am nächsten Indien und wieder am nächsten die Nachbarinsel Neuseeland. Stundenlang drückte ich mich in den Buchhandlungen herum, um
wenigstens in deren Reiseabteilungen etwas Klarheit zu erlangen. Doch die Dinge wurden nur noch komplizierter und die Zeit schien immer mehr zu drängen. Und dann kam sie, die große Eingebung! Ich hatte
mein Reiseziel gefunden und war von nun ab wieder rundum entspannt. Am 4. Februar werde ich von Melbourne aus nach Singapur fliegen und von dort aus durch Malaysia nach Thailand fahren. Von Thailand aus
wird die Reise dann entweder nach Osten, in Richtung Laos, Kambodia, Vietnam oder nach Westen, in Richtung Indien, weitergehen. Ich war recht erfreut, als ich in Erfahrung brachte, dass ein
Flugticket nach Singapur sogar noch billiger sei, als ein Ticket nach Neuseeland. Doch wie schon so oft, sollte ich auch hierbei eines besseren belehrt werden. Man kann nämlich nur dann nach Singapur
fliegen, wenn man entweder ein Ausreiseticket aus Singapur oder ein Einreiseticket in das Heimatland vorweisen kann. Hat man weder das eine, noch das andere Ticket, besteht immerhin das Risiko, dass sich entweder
die Fluggesellschaft weigert, einen mitzunehmen oder dass man, in Singapur angekommen, am Flughafen abgewiesen wird. Beides schien mir nicht gerade erstrebenswert zu sein. Und so kam es, dass ich
statt eines Onewaytickets, ein Returnticket buchte, obwohl ich nicht mehr vor habe, von Singapur aus wieder nach Melbourne zurückzufliegen. Die freundliche Frau vom Reisebüro versicherte mir aber, dass ich den nicht
angetretenen Rückflug von der Fluggesellschaft wieder zurückerstattet bekommen würde. Da bin ich ja mal gespannt....! Die Zeit bis zum Flug nach Singapur werde ich in Tasmanien verbringen. Tasmanien ist
eine große Insel, quasi direkt vor der Haustüre von Melbourne. Die Überfahrt mit dem Schiff dorthin dauert ungefähr 14 Stunden. Manche sagen, auf der Insel wären alle Landschaftsformen Australiens
vereinigt, andere sagen, dass dort noch ursprüngliche Wildnis vorhanden sei und wieder andere preisen die Gastfreundschaft der Tasmanier. Dass dort auch "Blacky" Fuchsberger, der deutsche Fernsehentertainer
wohnen soll, scheint mir eher von untergeordneterer Bedeutung zu sein. Doch erst einmal stand das Christkind vor der Tür. Wie froh war ich dann letzten Endes, das Weihnachtshalligalli
einigermaßen heil überstanden zu haben! Weder Besinnlichkeit, noch Beschaulichkeit bestimmten die allgemeine weihnachtliche Gemütslage. Alkohol und Party bis zum Abwinken waren angesagt.
Um nicht irgendwo alleine in einer Bar oder in meiner Backpackerunterkunft herumhängen zu müssen, buchte ich für Heilig Abend eine 5-stündige Bootrundfahrt, eine sogenannte "Christmas Eve Cruise", im
Melbourner Hafen. Selbstredend, dass es auf dem Schiff auch zu essen und zu trinken gab. Besonders "trinken" war ziemlich angesagt und so nahm es nicht Wunder, dass der eine oder andere nicht mehr so recht
wusste, ob nun die Schwankungen vom Schiff oder vom Alkohol herrührten. In Christina aus Wien hatte ich eine recht angenehme Begleitung, so dass es irgendwie auch ziemlich "wurschd" war,
dass wir recht unkoordiniert den Hafen auf und ab schipperten, immer dasselbe Panorama von Melbourne vor Augen. Auf dem Boot gab es auch eine Tanzfläche, die nahezu bis zum Bersten mit wippenden Leibern
gefüllt war. Das Volk tobte, die Menge gröhlte und der Alkohol floß. Spätestens an dieser Stelle hatte Santa Claus (oder war es womöglich doch das Christkind), Hals über Kopf das Weite gesucht.
Nach dieser Hafenkreuzfahrt schwankte die Meute von Bord, um sich anderweitig einen hinter die Binsen gießen zu können. Die Auswahl war groß genug, denn überall in Melbourne schien die Partyküche zu dampften und zu
brodeln. Höchstwahrscheinlich war der Grund, warum sich soviele mit den Nikolausmützchen und den lächerlichen Schaumstoffrentiergeweihe schmückten, der, da man damit selbst im fortgeschrittenen Stadium des Delirium
tremens noch einigermaßen erkennen konnte, dass man sich einen weihnachtlichen Rausch und nicht etwa irgend einen normalen Alltagsrausch angetrunken hatte. Silvesterqualität wurde erreicht, als
kurz vor 24 Uhr ein allgemeiner Countdown einen ausufernden Beglückwünschungstaumel ins Rollen brachte. "Merry Chrismas.......!!!" Am nächsten Tag wirkte die Stadt wie ausgestorben. Erst dachte
ich, dass das möglicherweise daran läge, weil alle noch mehr oder weniger krank in ihren Betten liegen - doch als die zweitgrößte Stadt Australiens selbst am Abend noch wie eine Geisterstadt wirkte, begann ich meine
Theorie selbst ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Immerhin bescherte mir dieses Weihnachten zwei Kinofilme: "Monsoon Wedding" von Mira Nair und "Amelie" von Jean-Pierre
Jeunet. Beide Filme hatte ich sehr genossen und kann sie daher nur wärmstens weiterempfehlen! Und so tröpfelte dieses Weihnachten gemeinsam mit dem himmlischen Regen langsam aus. Als ich
am 2. Weihnachtfeiertag (der im Englischen komischerweise "Boxing Day" genannt wird) nachmittags den Hafen ansteuerte, um nach Tasmanien zu schiffen (Ha,ha,ha!!), war von der ganzen Weihnachtsherrlichkeit (von
welcher bitte??) überhaupt nichts mehr zu spüren. Die "Spirit of Tasmania", die mit den neun Stockwerken eher einem schwimmenden Hotel glich, lag in weißem Glanz erstrahlend, recht
beeindruckend im Hafen. Da die billigeren Plätze in den Schlafsälen des Schiffes bereits ausgebucht waren, musste ich etwas tiefer in die Tasche greifen, um wenigstens ein Bett in einer 4-Bettkabine zu
ergattern. Nach dem Abendessen (ein reichhaltiges Buffet, das im Schiffspreis enthalten war) setzte ich mich noch ein wenig in die Bar, wo ich Bekanntschaft mit Cassy und seinem "little
Darling" machte. Cassy, ein gebürtiger Niederländer, saß der Schalk im Nacken und es war eine Freude mit anzusehen, wie er mit seinen 70 Jahren seine Marita, die voller Stolz auf ihr ungarisches Blut verwies, so
neckte, dass er jedem Teenager den Rang abgelaufen hätte. In der Kabine war es dunkel und alle schienen bereits zu schlafen. Mein Bettnachbar schaltete freundlicherweise das Licht an, damit ich nicht im
Dunkeln zu meiner Koje tapsen musste. Er streckte mir seine Hand entgegen und stellte sich mit "Max" vor, bevor er sich wieder zur Seite drehte, um seinen Schlaf fortzusetzen. Morgens, das
Schiff war bereits vor der Küste Tasmaniens, lief mir Max nach dem Frühstückbuffet erneut über den Weg. Wir tranken ein Glas Orangensaft zusammen und begannen klein zu sprechen, also: small zu talken.
Max wurde in Reutlingen geboren, kam aber bereits mit drei Jahren nach Tasmanien. Er lebt nun seit 27 Jahren in Melbourne und war gerade auf dem Weg, seine Mutter zu besuchen.. Sein Vater war vor 2 Jahren gestorben. Ich erzähle dies deswegen in aller Ausführlichkeit, da ich mit Max noch engeren Kontakt haben sollte. Er bot mir nämlich an, mich in seinem Pickup bis in den Westen von Tasmanien
mitnehmen zu können. Zwar hatte ich eine ganz andere Route im Sinn, dennoch schien es für mich auch sehr reizvoll zu sein, die Reise in Tasmanien, fernab des Touristenrummels, im Westen zu beginnen. Wir
waren über eine halbe Stunde damit beschäftigt, das Fahrrad nebst Gepäckstaschen auf der Ladefläche des Pickups, die vollgestopft mit Gerümpel aller Art war, unterzubringen. Die Fahrt führte über sanfte
Hügel und Täler entlang des Meeres, zunächst nach Stanley. Auf einer Halbinsel gelegen, wirkte der Ort (wenigstens auf der Landkarte) recht vielversprechend. Ich hatte vor,in Stanley auszusteigen, um von dort aus
meine Radreise durch Tasmanien zu beginnen. Max fuhr mich nicht nur dorthin, sondern brachte mich auch regelrecht in den Genuss einer Sightseeingtour. Als ich Anstalten machte,
aussteigen zu wollen, fragte er, ob ich denn keine Lust hätte, bei ihm und seiner Mutter zu übernachten. "Ja aber...", warf ich ein - doch er wollte keinerlei Einwände akzeptieren. Und so fuhr ich mit Max erst nach Smithton und dann noch einige Kilometer weiter, bis er irgendwann, fernab vom Schuss, auf ein Grundstück einbog. Eine ältere, grauhaarige Frau kam heraus,
umarmte Max und hieß mich, ohne zu zögern, in ihrem Haus willkommen. Ich bekam ein Zimmer mit vulminösem Bett und noch vulminöserer Daunendecke - aus selbstgerupften Gänsefedern, wie Max mir später mitteilte. Max' Mutter, die sich mir als Marie vorstellte, beschreiben zu wollen, erscheint mir nahezu unmöglich. Mit ihren 74 Jahren ist sie für mich der Inbegriff einer Powerfrau. Wenn man dann
noch ihren grenzenlosen, manchmal etwas derben Humor und ihren knallharten slawischen Akzent hinzurechnet, ergibt sich eine Mischung, der man einfach nicht widerstehen kann. Aber, was mich am meisten bei ihr
beeindruckte, war ihre Ausstrahlung, die sie als eine "große Seele" zu erkennen gab. Marie lebte jedoch nicht ganz allein in ihrem Haus. Bei ihr "wohnte" auch noch Andrew, der Pfau,
den sie scherzeshalber als ihren "Boyfriend" bezeichnete. Doch Andrew war eigentlich schon vergeben, denn immerhin hatte er mit Susan, seiner Henne, zwei ganz nette Küken. Doch der beste Freund von Marie war
wohl ihr Hund "Laddy", der ihr auf das Wort gehorchte und ihr regelrecht zu Füßen lag. Laddys Aufgabe war es, darauf zu achten, dass die Enten den Pfauen nicht das Essen wegpickten oder eines der vielen Küken,
die dort herumtapsten, nicht unerlaubterweise in den Gemüsegarten eindrang. Im Gemüsegarten wuchs so ziemlich alles, was man sich nur vorstellen konnte. Es gab neben Himbeeren, Kartoffeln, Blumenkohl,
Lauch, Erbsen, Bohnen.... auch verschiedene Kräuter und einen riesigen Lorbeerbaum. Marie war im Alter von 15 Jahren während des 2. Weltkrieges aus ihrer polnischen Heimat (nahe der Grenze zur Ukraine)
nach Deutschland deportiert worden, um dort bei einem Bauern in der Nähe von Reutlingen zur Arbeit gezwungen zu werden. Obwohl sie als junge Zwangsarbeiterin ein elendes Leben in Deutschland führen musste (sie erzählte
mir davon mehrere Episoden), scheint sie gegenüber den Deutschen keinerlei Groll mehr zu verspüren.. Sie lud sogar extra ihre Freundin Marga, die vor 40 Jahren aus Oldenburg nach Tasmanien ausgewandert
war, zu sich nach Hause ein, damit ich mit ihr ein wenig deutsch sprechen könne. Von der ersten Sekunde an fühlte ich mich pudelwohl bei Marie und Max. Alles schien so unverkrampft und vertraut und mir
war, als wäre ich dort schon seit vielen Jahren zuhause. Max nahm sich die Zeit und machte mit mir regelrechte Exkursionen in die nähere Umgebung. So fuhren wir zum Beispiel auch zu den Allendale
Gardens, die sich ca. 10 km südlich von Smithton befinden. Ich war mehr als beeindruckt, als ich das riesige Gelände mit dieser Wunderwelt an Pflanzen zu Gesicht bekam. Die ganze Gartenanlage wurde rein privat von dem
Ehepaar Allendale vor ungefähr 30 Jahren aufgebaut und man konnte richtig sehen, dass nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Liebe in dieses Fleckchen Paradies hineingeflossen waren. Ich blieb
zwei Tage bei Marie und Max. Obwohl sie mir anboten, dass ich noch länger bei ihnen bleiben könne, verspürte ich wieder den Drang, mich in den Fahrradsattel zu schwingen. |